Archiv für Mor Lam

Gourmetreise ins Isan- „Iss deinen Skorpion auf! In Indien hungern die Kinder!“

Posted in Asien, Essen & mehr trinken, Kultur & Moral, Thailand with tags , , , , , , , , , , on Juni 17, 2011 by pheneas

Thailands Isan – immer gut für Objektstudien von Gerontologen

 Die Idee, sich als Euro-Rentner nach 40 Jahren harter Arbeit mit seiner Thai Frau im Alter der eigenen Enkel ausgerechnet im Isan niederzulassen, kann einem eigentlich nur kommen, wenn in der Quecksilbersäule des Fieberthermometers bereits Blasen aufsteigen. Dennoch findet man in nahezu jedem Dorf einen deutschen Überlebenden des Kessels von Stalingrad, einen Amerikaner vergessener Offensiven um Da Nang, oder den französischen Ex-Fremdenlegionär aus der Schlacht um Dien Bien Vu, deren Drang nach fragwürdigen Abenteuern ungebrochen ist. Beliebte Antwort auf die Frage, haben Sie noch Großväter? Ja, einer lebt, der andere  ist im Isan!

…hier ist Damenwahl im Neandertal

 Ian Flemming, der Autor der James Bond Geschichten, schrieb zum Thema Sex in sein Tagebuch: „Ältere Damen sind am Besten, denn sie denken immer, sie würden’s zum letzten Mal machen.“ Daß dies auch umgekehrt gilt, beweisen die unzähligen pensionierten Bargirls, die es geschafft haben einen Viagra-Greis aus dem Westen hierher zu locken, um ein wetterfestes Haus zu bauen und seine Rente für einen Pickup-Truck, Hühner, Enten, Wasserbüffel, Porzellantoiletten, Warmwasserboiler, Tabletten für Omas Arthrose, die Schuluniformen für die Blagen der 6ten Nichte und wöchentliche Einkaufsfahrten in den 48 km entfernten Departmentstore zu verbraten. Ein bemoster Sugar Daddy unter den Spätaussiedlern trug dabei sogar ein „Hansa Pils“ T-Shirt, bei deutschen Senioren immer ein Zeichen fortgeschrittener Demenz. Man muss mit siebzig Jahren schon einen gewaltigen Rochus auf die eigene erbgeile Verwandtschaft hegen, um ausgerechnet hier die Begegnung mit dem Sensenmann zu erwarten. Immerhin gelingt es, sich erfolgreich davor zu drücken, bis zum Ende seiner Tage drei Monate im Jahr Schnee zu schippen, während einen andernorts schon vor dem Frühstück, Melanome fördernder Sonnenbrand beschert wird. Selbst unter Thais gilt der Osten als eine siamesische Variante der Area 51. Offen gesagt, war der Isan mit 20 Millionen Einwohnern, 19 Provinzen mit 14 verschiedenen Sprachen, dem Rest der Thais immer unwesentlich wichtiger als Bananen, aber bei weitem nicht so wichtig wie Papaya-Salat.

Isan Triathlon: Schöner wohnen, schneller vögeln, weniger arbeiten

 Auf der staubigen Dorfstrasse von Rao Na Khon, etwa 50km von Prasat und 16 km von der kambodschanischen Grenze entfernt, herrscht emsiges Treiben. Neben gelegentlichen Evakuierungen wegen des andauernden Tempeltanzes zwischen Thailand und Kambodscha, mit Granatenbeschuβ von beiden Seiten, gibt es noch andere Höhepunkte im ansonsten eintönigen Alltag. Hier fand gerade das wöchentliche Müllfestival statt, bei dem die Bürger sich die Zeit abknapsen mit Nudelsuppentütchen, Plastikflaschen und gebrauchten Kondomen die Sandpiste zu verzieren. Das Dorf gilt unter Polyethylen-Fetischisten als fehlendes Glied in der Kette der Welt-Plastik-Kulturerbe.

 Alte Frauen in Sarongs, FlipFlops und dicken Jacken schlurfen über den Sand und halten hier und da an, für ein Schwätzchen mit ausgemergelten Typen in Armeejacken, Shorts und Strickmützen. Die Morgensonne scheint durch die Kokospalmen, aber es ist kühl, so um die 12 Grad. Im Januar ist es tagsüber so heiss, dass schon ein unachtsam verfolgter warmer Gedanke das Gras um einen herum entzündet. Nachts ist es so kalt, dass man sich über die schlechten Skibedingungen wundert. Hier und da steigen Rauchschwaden von den morgendlichen Auftaufeuern zwischen den Holzhäusern, Bretterbuden und mit blauen Plastiksäcken überdachten Behelfsbehausungen auf. Bis zehn Uhr qualmt und riecht es überall nach verbrannten Palmenstämmen, was nicht zuletzt dafür sorgt, dass einem die Tränen in den Augen stehen.  Wer hier nach 25 Jahren keinen Bluthusten hat, atmet eben nicht richtig durch.

Meet the parents in Isan? Think twice!

 Inzwischen hat der Dorf Funk auch schon wieder die langersehnte Nachricht verbreitet, dass diverse BP-Mädels, samt ihrer ausländischen- Voll,- oder Teilzeitbekanntschaften, aus Bangkok oder Pattaya angereist sind. BP steht hier nicht für die Feuerwerksfirma, die den Golf von Mexico nachhaltig umgestaltet hat, sondern für- Blowjob Provider. Nun tauchen im Minutentakt die zahnlosen alten Weiber mit verdorrter Leber und Pressdurst auf, um allen Besuchern ihrer Enklave gelbe oder orangene Wollfäden (khal mue) ums Handgelenk zu binden. Das geschieht unter ständigem Gemurmel und soll den Besuchern Glück bringen. Genaugenommen ist das aber nichts anderes, als die Kopie des von All-Inklusive Clubs bekannten Prinzips: Die mit dem Armband haben bezahlt und saufen umsonst. Natürlich erwarten die vom „mah pluh“ kauen rot geränderten Münder, in weiss gepuderten Gesichtern, die aussehen als hätten sie soeben eine Explosion in einer Reismühle überlebt, dafür immer einen kräftigen Schluck aus der Pulle. Wer ein Dutzend von den Bändchen am Handgelenk trägt, wird allerseits sofort als derjenige mit der Caritas-Hose

„khal mue” Isan’s all inclusive super V.I.P backstage pass

identifiziert. Ich schaue also in den nächsten Stunden in ein gutes Dutzend zerfurchter Freibiergesichter, die mich ständig an ein jüdisches Sprichwort erinnern: „Alle Zähne sollen Dir ausfallen,- bis auf einen für Zahnschmerzen!“ Nachdem alle Mitglieder der Methusalem-Meute schon durch diverse Flaschen Duschwein brummen wie ‘ne Trafohütte, soll ich das Alter einer der Omis erraten. Klappt nicht, sie ist 74, was in dieser Gegend einem medizinischen Wunder gleichkommt. „Aber sie hat noch tolle Möpse“ tönt es aus der Menge. Daraufhin zerrt Omi ihre Bluse hoch und lässt zum Beweis, unter allgemeinem Gejohle die Pracht baumeln und deutet mir an ich könnte gerne mal hinlangen. Das ist so als wenn einem sein Gesprächspartner von seiner Darmkrebsoperation erzählt und einen auffordert, doch mal den warmen Beutel der aus der Hüfte ragt, zu streicheln… 

Tagesmenü: Rat-atouille an Sumpfpetersilie in Urwald-Maggi Parfait

 Plötzlich, ich vermeide hier absichtlich die Floskel vom heiteren Himmel, baumelt mir etwas vor der Nase. Eine mit spitzen Fingern am Schwanz gehaltene feiste Ratte, die selbst in der Klasse der Riesenobjekte Gardemass aufwies. Der Spassvogel hinter mir, der aussieht als hätte er einen Stammbaum wie ein Kreis, deutet auf seine Jagdtrophäe und fragt mich, ob er sie mir zum Frühstück braten soll. Immerhin, bei den Locals gilt auch das rohe Fleisch als Delikatesse. Auf meinen Unterarmen breitet sich langsam eine gut sichtbare Erpelfolie aus während  das halbe Dorf insgeheim Wetten abschliesst, ob sich der Farrang zur Einladung zum organisierten Erbrechen überreden lässt. Mich überkam eine plötzliche Frühstücksmüdigkeit  und ich ließ ihm übersetzen, dass ich inzwischen ein Alter erreicht habe, in dem man mal eine Mahlzeit auslassen kann, was anstandslos akzeptiert wird. Ich schaue ihn an und denke: ich bestell´ lieber schnell nochmal ‘ne Runde, bevor Du unbedingt mit mir Brüderschaft-Essen willst. Damit war dann auch die Ratte aus meinem Blick verschwunden. Um mich herum saufen sie weiter wie die Kreiselpumpen und sehen langsam aus wie Leute, die sich so fühlen wie die Akteure im Afri-Cola Werbespot.

Inzwischen ist es Mittag, die Sonne erwirkt in den vorgeglühten Häuptern des Altweiberclubs einen Schub Restalkohol und man zieht sich zur Siesta zurück, um auf der Reismatte dem nächsten Rausch entgegen zu dämmern. Ein ziemlich aussichtloses Unterfangen, denn mitten auf der Dorfstrasse hat man zur bevorstehenden Hochzeitsparty eine LKW-grosse Lautsprecheranlage aufgebaut. Von nun an gibt’s im ganzen Dorf auf unbestimmte Zeit heftig Haue auf die Ohren. Die Bässe wummern durch die Palmen und selbst in der abgelegensten Bretterbude sorgt sie für einen konstanten Schaumpegel auf der Molle. Bei Thai, und besonders „Lock ‚n Lao Musik“ („Mor Lam“), gibt es eigentlich nur Bässe und Holztröten zu hören, die gelegentlich von geklauten Gerhard Wendland Melodien untermalt sind. danach kamen noch Weisen aus dem Programm „Partytime im Pflegeheim.“ Wer als Westerner in seinem Leben richtig auf die Tonne gehauen und auch vor Meuchelmord, Versicherungsbetrug und Oral-Sex mit dem zahnlosen Blindenhund des Nachbarn nicht zurückschreckte, der wird in Thailand als Bassist wiedergeboren. So sind eben die beinharten Regeln der Reinkarnation!

Airflown meat. Hier prallen die Käfer auf die Zivilisation

 Ich schlendere ein wenig durchs Dorf, schleiche um die dröhnende LKW-Ladung Lautsprecher herum zum Haus eines Nachbarn, bei dem die Neujahrs,- und Hochzeitsfeierlichkeiten stattfinden sollen. Der Platz wurde ausgewählt, weil sein Sohn am 2. Januar heiratet und die Vorbereitungen für zwei Gelage in einem Abwasch erledigt werden können. Im Hof des Hauses ist der Teufel los. Ein gutes Dutzend Frauen ist mit der Zubereitung des Sylvester-Mahls und Hochzeitsschmauses beschäftigt. Zu den drei beliebtesten Titeln für Bücher die nie geschrieben werden gehören zweifellos: „500 Jahre deutscher Humor“ „Enzyklopädie Italienischer Heldensagen“ und natürlich der „Gourmetführer Isan“. Ich mache mir nicht viel aus der Küche des Isan, nicht dass es mir an Respekt für einheimische Spezialitäten fehlt, aber ich kann mir die Blätter von Sumpfpflanzen samt Froschkönig aus dem trüben Wasser des Dorfweihers, und mit Hilfe nächtlicher Neonbeleuchtung heimtückisch angelockt, und gegen Wellblech geprallter Käfer, auch selbst zusammensammeln.

Jetzt bloß nicht in die Suppe steppen!

 Frauen und Kinder sitzen auf einem riesigen Podest, schneiden Tonnen von Zwiebeln, sodass sie durch die Tränen beinahe in Pfützen sitzen, pulen Knoblauch der ausreicht, um sämtliche Höhlen im Amazonasgebiet von Vampiren zu befreien und Kochen Suppen auf Holzkohlenfeuer, in Kochtöpfen die an Jaccuzzi erinnern. Ich denke noch, na wenigstens guckt kein Missionar heraus. Man lädt mich ein, bei einem Bier dem Treiben zuzuschauen, wie fast alle Männer des Dorfes es so machen. Zwischendurch schütten sich die Kochtopf-Virtuosinnen eimerweise „Sato“ in den Hals. Das ist vergorenes Reiswasser und ähnelt in Trübheit und sogar Geschmack dem „Federweissen“. Natürlich beschert es einem eine ordentliche Gehirnkirmes und sorgt am nächsten Tag für ein Gefühl, als meisselt sich ein Specht sein Nest unter dem Toupet. Von allem was inzwischen fertig gekocht wurde, bekommen die Zuschauer eine Kostprobe. Leider missinterpretiert man meine höfliche Anteilnahme beim Beobachten der Zubereitung von Ameisensalat als ungezügelten Appetit. Ich verfüge aber über so viel Selbstdisziplin, dass es mir durchaus gelingt, diesen Lebensmittelorgasmus einfach mal auszulassen!

Miss Piggy’s last-minute

 Von lautem „Aaah“ und „Oooh“ begleitet, wird nun eine an den Beinen gefesselte eineinhalb Zentner Sau im Bollerwagen an die Gourmet-Bühne geführt. Ich will hier das anschliessende Massaker nicht in allen Einzelheiten beschreiben. Nur so viel,- hätte ein Euro-Fleischermeister die Sauerei mit der Sau beobachtet, wäre in ihm wahrscheinlich der Wunsch, zukünftig nur noch Hausfrau und Mutter zu sein, aufgekeimt. Ebenso wäre der Anblick des Gemetzels durchaus geeignet, selbst in einem Erzbischof den Gedanken an eine Konvertierung zum Muslimen, nicht mehr völlig auszuschliessen. Bis auf die Kotelette-Stränge wird die Sau von der Nase bis zum Ringelschwänzchen von drei Männern in mundgerechte Häppchen zerhackt, dass die Funken sprühen, während ein Vierter versucht sich nicht in den Därmen zu verheddern.

Freddie Krüger war mein Azubi!

 Bei meiner zweiten Maurerbrause angekommen und nach diversen Schlückchen „Sato“, stört mich auch das Tok Tok Tok nicht mehr, das man vernimmt, wenn zwei Meter neben einem ein extrem hackbeilresistenter Schweineschädel zerlegt wird. Danach sieht das Podest aus, als wären während einer Notamputation im Lazarettzelt ein paar Blutkonserven explodiert. Sehr zur Freude der Dorfköter, die das herumspritzende Blut von der Hauswand lecken. Bei der dritten Hopfenknolle und nach noch mehr „Sato“, denke ich darüber nach- was versteht man in Europa eigentlich unter dem Begriff „Erlebnis-Gastronomie“?

Wer wird denn wegen seines Sternzeichens hier pingelig werden?

 Plötzlich gellen spitze Schreie aus dem Haus in dem ebenfalls gekocht wird. Es klingt, als hätte man in der Ankleidekabine von Supermodels einen Karton mit lebenden Ratten geöffnet. Zwei der gut 15cm langen schwarzen Skorpione, ist es gelungen kurz vor dem Tauchgang in siedendes Öl auf den Küchenboden zu hüpfen, wo sie mit erigiertem Schwanz ihren Giftstachel zur Geltung bringen. Einer der Jungen eilt zur Hilfe, hält den ersten Überlebenden mit einer Gabel am Boden und hackt mit dem Löffel den Giftstachel der Kreatur ab. Der zweite Flüchtling ist inzwischen ins Freie gelangt und krabbelt auf dem Rasen vor dem Haus irgendwo zwischen den Beinen der mittlerweile zahlreichen Besucher, die sich vom herumgereichten Teller die Verwandten des Entkommenen schmecken lassen.

Der Schwanz ist das beste Stück

 

 Auf der Menükarte des Isaan stehen einige Leckereien, bei denen allein die unsachgemässe Zubereitung einen langen Aufenthalt an lebenserhaltenden Infusionsschläuchen in Aussicht stellt. Schlangen, oder faustgrosse Schnecken, von denen man nicht mehr als zwei essen sollte, um sich nicht zu vergiften, gehören in diese Kategorie. Wer bei solchen kulinarischen Abenteuern die kleingedruckten Warnungen auf dem Waschzettel ignoriert, und nach stundenlanger Fahrt auf der Ladefläche eines Pickups ins Provinz-Krankenhaus kommt, wird dort wenigstens nicht mit lateinischen Bezeichnungen für den Grund seiner toxikologisch bedingten Himmelfahrt  belästigt.

 Inzwischen wird überall zwischen den Häusern irgendetwas gegrillt. Ratten, Frösche, Mini-Krebse, Fische und gelegentlich greift sich jemand eine Ente oder ein Huhn aus dem Vorgarten, die kurz danach neben frittierter Froschhaut (Isaans Antwort auf Kartoffelchips) auf dem Büffet landen. Kurz gesagt, die einheimische Küche ist eher etwas für Leute, die auch auf Eisbein Hawaii, Haferflocken Byriani oder Matjes mit Erdbeeren stehen. Dazu gibt es Pasten und Soβen deren Geruch an Omi ganz unten erinnert. Aber hier spricht man nur von einer gelungenen Mahlzeit, wenn selbst der Rülpser nach dem Essen schmeckt, als hätte man herzhaft in den vor Monaten verschollenen, Gorgonzola im grünen Pelz aus dem untersten Fach des Kühlschranks gebissen. So, das sollte wohl reichen, um zu verhindern daß sich langvermisste Freunde aus Europa bei mir zum Abendessen mit der Familie einladen…

Der tägliche Überlebenskamf im Senioren-Paradies

Das ist K E I N Fischbrötchen – und von sowas traumt man in der Nacht!

Mor Lam Musik – Die Hölle des Dirigenten!

Posted in Asien, Kultur & Moral, Thailand with tags , , , , , , , , , on Juni 9, 2011 by pheneas

Hier gibt’s richtig Haue auf die Ohr’n!

 Ich hab’ nicht allzu viele Macken, doch eine pflege ich seit vielen Jahren: Ich sammle T-Shirts. Eines davon gehört in die Kategorie: so etwas trägt man für immer! Meine Nr. 1 war ein Shirt vom Banjo-Hersteller Stelling, das ich vor Jahren in Amerika von den Mitgliedern meiner Band zum- wie immer 21ten- Geburtstag bekam. Darauf waren Hunderte Banjo Spieler abgebildet, die vor dem Dirigenten im Orchestergraben saβen- Überschrift: Condutor’s Hell! Ein Motiv, das den ultimativen Alptraum eines jeden studierten Musikers darstellt. Leider muβte ich feststellen, daβ meine Lebenserwartung die des Hemdchens übertrifft.

 Jahrelang dachte ich selbst, einen schlimmeren akustischen Super Gau kann es für im Konservatorium, oder im Studio geschulte Gehörgänge nicht geben. Tja, aber das war eben lange bevor ich nach Asien kam.

 Kaum ein Kreuzfahrten-Dampfer kommt ohne einen griechischen Kapitän, oder Navigatoren aus und keiner der Mumienschlepper sticht ohne philippinische Top 40 Band in See. Da wundert’s einen schon, daβ es bisher keinen Tagalog-Sirtaki in den Charts gab. Die Jungs und Mädels von den 17.000 Inseln kopieren die Songs so exakt, daβ sie sogar die Kratzer auf der Schallplatte mitspielen. Aber was soll’s, die spielen schlieβlich für Leute, die ohnehin schon am Woodstock gehen. Fragt man sie jedoch bei einer spontanen backstage Session einen simplen Blues zu begleiten, kann keiner der Schmalspur-Claptons bis zwölf zählen, was unter „richtigen“ Musikern einem Blues tatsächlich beim Akkordwechsel erst den Kick gibt.

Gamelan- Einfach nur Gestank in den Ohren

 Das Gröbste, was ich je an akustischer Belästigung erlebt habe, war ein vierstündiges Dinner auf Einladung des indonesichen Tourismusministeriums auf Bali. Die lokale Gamelan-Kapelle erzeugte Geräusche, daβ einem die Spermien flockig wurden. Ich habe vergeblich versucht, in dem Wirrwar ausTsching, Zwong, Bäng, eine Melodie oder Rhythmus zu erkennen. Alle 20 Minuten muβ man sich förmlich die Ohren ausgieβen. Dagegen klingt das Quitschen auf der Kreidetafel wie ein Ohrwurm und jeder Hörsturz erscheint wie eine Wohlfühlmassage mit happy melody ending!

 Während man als Westerner Taiwan Tittenrock, japanischen Trümmerfrauen Punk und Korea-pussy pop-rock, noch als Musikfragmente erkennen kann, hört der Spaβ bei Thai-LaLa eindeutig auf! Die lokalen Fernseh-Channels liefern tagsüber 12 und nachts 22 Programme, die nichts anderes als Hoteltoilettenmusik Videos abspielen. Kein Europäer kann mir glaubhaft versichern, daβ er auch nur drei der Herz-Schmerz Nummern auseinanderhalten kann. Das ist ein einziger musikalischer Zimmerspringbrunnen, oder wie ein Kumpel es nannte: Reisbauerntechno á la Marianne & Michael. Aber so ist das eben in Ländern, wo jeder Depp mit 2,4 Promille meint, er müβte den Rest der Welt mit seiner Version von „I diditmayway“ in Karaoke Clubs erschrecken, und die Musik im Blut erstarren lassen.

 Genug gelästert. Kommen wir zum lehrreichen Teil, als eine Art audioemotionales Wiki:

 Da die klassische thailändischen Musik (!?) in sieben gleich groβe Tonschritte unterteilt wird, würde ein europäischer Bassist bei jeder Jamsession nach einigen Takten die Kabel zerbeiβen! Um das Ganze nicht trivial erscheinen zu lassen, gibt es auch keine Notation! (Alte Muckerweisheit: wer vom Blatt spielt- kann nix und fällt nur den Kollegen in den Rücken!) Wenigstens in der Musik leisten sich die Thais ein gewisses Maβ an Individualität. Hier wird die Beschallung nach Motiven aufgebaut, die sich je nach Laune und Anzahl der gerauchten Opiumpfeifchen des Komponisten wiederholen. Das Ganze nennt sich Pi Phat, war ursprünglich als Orchestermusik für Theaterstücke gedacht und das alles übertönende Instrument ist eine Flöte, die etwas an die Panflöte erinnert, aber im Klang eher dem Radau der schottischen Eutertröten ähnelt. Naja und Gongs und Kesseltrommeln geben jedem dieser Bananenmusik-Orchester den universellen Sound, auch ohne schmissige Melodien. Einzige Steigerung- wenn der kastrierte Peking Opa auf der Bühne der Peking-Oper kräht.

 So etwas in Bayreuth und Deutschlands Wirtschaftsbosse gehen kollektiv mit Mittelohrvergiftung vom Platz!

Mor Lam. Schiessen Sie nicht auf den Pianisten! BITTE nehmen Sie den mit der Tröte ins Visier

 Nach 1932 wurde thailändische Musik vermehrt mit westlichen Instrumenten gespielt, was aber nachweislich keine unterstützende Maβnahme war, oder ist. Bei den neuzeitlichen Nummern ist in erster Linie Basstubieren bis zum  Orbassmus angesagt! Die Dauerberieselung in Radio und Fernsehen erzeugt lediglich massive Liederschmerzen, sorgt jedoch immerhin für kontinuierlichen Schaum auf der Molle und unterwegs für Beulen im Autodach.

Rentner-Remmidemmi auf Channel 5. Klingt wie Hafenrundfahrt!

 Wer sich aber einmal richtig die akustische Kante geben will, sollte unbedingt beim nächsten Thailandurlaub auf dem Fernseher Kanal 5 einstellen. Da gibt es nach Mitternacht das kulturelle Erbe der laotisch stämmigen Bevölkerung, mit der typischen Mor-Lam-Musik (übersetzt: Experten Musik!). Unter den Hauptakteuren ist keiner unter 75! Was da wohl auf der Casting Couch des Senders abgeht? Andererseits kann Dieter Bohlen auf eine Karriere nach DSDS hoffen. Das Ganze ist also der absolute Gegenpol zu Zahnspangenkommerz-Mucke á la Justin Bieber. Ich hatte erst kürzlich den Sender entdeckt und konnte nach vielen Jahren als Berufsmusiker einfach nicht mehr weiterzappen. Ich habe 90 Minuten lang Tränen gelacht und inständig gehofft, daß sich unter den Interpreten der Seniorendeponie niemand in seiner Ekstase verletzt. Ich wünschte mir inständig, daβ alle meine ehemaligen Musikerkollegen das mit mir teilen könnten.

Muttchen muckt auf

 Auf der Bühne eine Seniorin, in einem Gewand das wie ein gehäkelter Toilettenrollenüberzug aussah, die nicht einen einzigen Ton ihres Songs treffen konnte. Daneben ein auf jugendlicher Liebhaber getrimmter Rentner mit Deo Roller Frisur, der sich im Polka-Propeller Tanzstil übte. Begleitet wurde das Geronto-Duo von einem 15-köpfigen Prozac-Orchester, dessen Bläser nur eines auf dem Notenblatt abzulesen schienen: Thema- Hafenrundfahrt! Das Gehupe und Getröte war eine einzige Trommelfellpeitsche. Das ist Guantanamo fur die Stereozilien! So hätte es geklungen, wenn Roy Black und Brigitte Mira, zur Begleitung des Spike Jones Orchesters Trance in Weiβ zum Besten gäben.

 Das letzte Mal, daß ich einen ähnlichen Ohrenherpes verspürte, war beim Einlaufen des Schulschiffs Deutschland im Hafen von Acapulco, zu dem eine mexikanische Militärkapelle die deutsche Nationalhymne spielte- aber unüberhörbar rückwärts!

 Keine Frage, das nächste Mal schalte ich wieder ein. Warum? Ich will einfach wissen, ob die Regisseure der Sendung soweit gehen, daβ sie zur Steigerung der Einschaltquoten Stage-Diving ohne Publikum der thailändischen Spastelruther Katzen,  anbieten…

Apropos Roy Black, Micky Wolf und ich haben ihn übrigens kürzlich gesehen. Wer’s nicht glaubt schaut besser hier rein:

http://www.youtube.com/watch?v=2rUEI3EXS_I&feature=related

Vielen Dank auch!