Warum sind Thailands Gesellschaft und Menschenrechte inkompatibel?

Wenn ich in der U-Bahn sitze, auf der Rolltreppe stehe, oder durch eine der Einkaufspassagen BangCocks schlendere, glotzen neun von zehn Thais auf ihr Mobiltelefon, um sich auf Facebook dem Rest der Welt als ultimative Selfinisten zu präsentieren. Ich glaube, hier gilt man schon als ernsthaft suizidgefährdet, wenn man im Stau steht und schlechten Handyempfang hat. Außer einer Handvoll Studenten, die auf dem Weg zu einer sowieso nur als Makulatur angesehenen Examensarbeit fahren, habe ich in zehn Jahren nicht mehr als drei Thais mit einem Buch in der Hand gesehen. Ein großer Teil der Bevölkerung scheint in dem Glauben zu leben, dass man sich an der Türklinke einer Bibliothek (und nur hier) die Syphilis holen kann. Die Folge davon, ist eine epidemische Ausbreitung von Apathie und Fatalismus. Ich bekomme täglich ein halbes Dutzend Fotos von Leuten die damit protzen, dass sie gerade eine Mahlzeit zum Preis des Fünffachen des Tageslohns eines kambodschanischen Gastarbeiters vor sich auf dem Teller haben. Von Leuten, die mir von ihrem Lotteriegewinn erzählen, oder ihre preisgekrönten Kampfhähne vorstellen. Grund genug, um sich wichtig zu fühlen. Das sind nur einige der Gründe, warum ich ihre Kontakte gelöscht habe und mein Handy heute stiller ist, als Fastnacht in Lüdenscheid.

Themen wie, Sklavenarbeit auf thailändischen Fischkuttern und in unzähligen „Sweatshops“, hunderte tote Flüchtlinge aus Myanmar in den Camps von skrupellosen thailändischen Schleuserbanden, Kinderarbeit, Hungerlöhne, ein nahezu wertloses Schulsystem, unzureichende Sozial- und Krankenversicherung und sogar die letzte Bombenexplosion in der Innenstadt, sind keine Themen hier. Das geht zumindest Bangkoks Elite und ihren direkt abhängigen Untertanen am cremegebleichten weißen Arsch vorbei, solange man sich den Bauch vollschlagen und als „on top“ auf sozialen Netzwerken zur Schau stellen kann.

Das und nichts anderes ist es, was ich inzwischen unter dem ständig strapazierten und ausgiebig missbrauchten Begriff von „Thainess“ verstehe. Mit moralischen, humanitären, buddhistischen und ethischen Grundwerten hat das schon lange nicht mehr zu tun, als das Verhältnis zwischen Eseln und Synchronschwimmen.

Respekt hat man hier nur vor zwei Dingen: Geld und Titeln. Wer genügend Lametta auf den Schultern trägt (hier tragen sogar Lehrer eine weiße Uniform mit Fallschirmspringer-Spangen (erworben nach einem Gummiband Sprung aus dem dritten Stock einer Kaserne und Orden die sie aussehen lassen wie Karnevalsprinzen) ist in der Hierarchie oben angesiedelt, egal wie viel Dreck er/sie am Stecken hat. Von diesen Leuten zu erwarten, dass sie ein Mindestmaß an Respekt vor anderen und deren Rechte haben, ist so aussichtsreich, oder naiv, wie die Hoffnung auf den Jackpot in der nächsten Lotterie.

Aber woher stammt diese kollektive Missachtung der Rechte vermeintlich Untergebener?

Hier ein typisches Beispiel einer Begebenheit der letzten Woche:

Ein Gefreiter der thailändischen Marine, Anek Thongvichit, wurde im Beschwerdebüro der Regierung vorstellig, um sich darüber zu beschweren, dass er von seinem direkten Vorgesetzten, im Rang eines Kommandeurs, dazu abkommandiert wurde, im Haus eines pensionierten Admirals in der Nähe Bangkoks zu arbeiten.  Es ging darum, Zimmermannsarbeiten auszuführen. Offensichtlich war der Armbalkenträger vom Frondienst des Gefreiten nicht sonderlich überzeugt und er kettete den Gefreiten zur Strafe an einen Autoreifen. Leider sind solche Machenschaften keine Seltenheit in einem Land, in dem man sich eher einen Offiziersrang kaufen kann, als ein Kinoticket für Orwells „1984“.

Reifengefreiter

Nun, hätte man das damals in Deutschland mit einem ehemaligen österreichischen Postkartenmaler und Kriegsveteranen im Rang eines Gefreiten des ersten Weltkriegs gemacht, wäre es wohl kaum zum zweiten Weltkrieg gekommen.

Der für thailändische Verhältnisse außerordentlich mutige (oder naive) Gefreite, flüchtete mitsamt Autoreifen in einem Taxi zum Beschwerdebüro der Regierung. Offensichtlich vergaß er den nicht unwesentlichen lokalen Anhang zur alten Seemannsweisheit, wonach Wasser keine Balken hat: außer natürlich denen an den Unterarmen von Admiralsuniformen.

Und hier kommt’s:

Man erklärte ihm dort, es sei nicht so sehr seine Aufgabe, sich um die um seine Hüfte geschlungene Eisenkette, als viel mehr um die vorhandene „Befehlskette“ zu sorgen. In welcher Armee der Welt erlaubt man pensionierten Offizieren aktiven Soldaten Befehle zu erteilen?

Man sagte dem neu bereiften Gefreiten, sein Kommandeur und nicht etwa die Beschwerdestelle, sei für seinen Fall zuständig. Das wurde in letzter Konsequenz dann auch vom Regierungssprecher, General Sansern Kaewkamnerd, bestätigt…

Würden derartige Zustände aus den Reihen der Bundeswehr an die Öffentlichkeit gelangen, könnte Drohnen Uschi von ihrem hohen Ross steigen und sich zum Dienstantritt als Hausfrau und Mutter melden.

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Drohnen Uschi bei der Marine

Thailands Marine wurde in einem Bericht von Reuters beschuldigt, an den Verbrechen an Burmesischen Flüchtlingen beteiligt zu sein. Die Journalisten, die im Land die Reuters Meldung zitierten, wurden von der Marine wegen Verleumdung vergeklagt. Der Prozess dauert an… (Nachtrag: erstaunlicher Weise wurden die beiden Journalisten wegen Mangels an Beweisen am 7. September freigesprochen)

Aber die Marine des Landes tut sich ohnehin mit einigen Ungereimtheiten hervor, die einen glauben lassen, sie wäre besser in Ländern wie Tibet, Österreich, Nepal oder der Schweiz aufgehoben. Man leistet sich einen Flugzeugträger für den es keine Flugzeuge, oder gar eine geeignete Begleitflotte gibt, was auf skurrile Weise auf die intellektuelle Flughöhe des Klubs der Seebären hinweist. Außerdem unterhält man seit Jahren eine schmucke U-Boot Truppe in weißen Uniformen, die über kein einziges U-Boot verfügt. Aber so ist das in einem Land, in dem Kosten/Nutzen Rechnung und gesunder Menschenverstand, niedriger eingestuft werden, als Image und Wahrung des Gesichts

Gleichzeitig beschwert sich diese ach so ehrenhafte Nation darüber, von den USA im Bereich Achtung der Menschenrechte auf eine der letzten Positionen (Tier 3) herabgestuft worden zu sein. Damit spielt das Land des Lächelns einiger Weniger, in einer Liga mit dem Iran, Mord Korea, Süd Sudan, Libyen und Syrien, um nur einige mit Siegchanchen auf den Ligapokal zu nennen.

Im Fall des pensionierten Admirals, der bei weitem nicht der einzige ist, der glaubt mit seinen Privilegien über humanitären Basisrechten zu stehen denke ich, solange eine Gesellschaft solch Unrecht von denen da oben toleriert, geschieht eine Herabstufung zu Recht. Um es mit einem angemessenen maritimen Sprichwort zu beenden: Der Fisch stinkt vom Kopf!

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2 Antworten to “Warum sind Thailands Gesellschaft und Menschenrechte inkompatibel?”

  1. Cristof Cuntze Says:

    Davon kann ich gar nicht genug lesen.So traurig wie es ist, so vergnüglich ist es gechrieben

    Gefällt mir

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