Thailand: Auf der Suche nach hierarchischer Demokratie

Es gibt Eltern, die ihre Kinder autoritär, gleichwohl zur Unselbständigkeit erziehen. Die Blagen werden ständig bevormundet, aber mit der Möglichkeit im Alter von 25 Jahren mietfrei im Kinderzimmer zu wohnen, während Mutti die Klamotten wäscht und das Essen auf den Tisch stellt.

Wächst die Brut zu allem Unglück auch noch in einer dörflichen Gemeinschaft auf, die sich einer Lebensweise unter bestimmten kulturellen und religiösen Regeln verschrieben hat, ist Zappen duster.

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Wenn die männlichen Nachkommen sich dann später in ihrer eigenen Familie wie die Paschas aufführen, während die Mädels dem Prinzessinnen-Syndrom anheimfallen, braucht man sich nicht wundern. Ihr Leben betreffende Entscheidungen werden zumeist von anderen getroffen. Sie leben weiterhin unter einer Glocke der Bequemlichkeit, unfähig von anderen zu lernen, eigene Wege zu gehen und sich vom Dasein des Befehlsempfängers zu emanzipieren.

Im übertragenen Sinn ist die Thai-Gesellschaft so ein Problemkind.

Immer wieder tauchen in den Medien Berichte auf, in denen der Versuch gemacht wird, den Split in der Bevölkerung zwischen arm und reich, oder den Amart (übersetzt:aristokratisch/Elite) und den Prai (einfache Bürger) wie man es hier nennt, nicht als Wurzel der gegenwärtigen Proteste darzustellen. Das gelingt selten. Man gibt dem hierarchischen System, genannt „Belamy“, dass jedem Thai bereits in der Familie, im Tempel und der Schule eingebläut wird, lediglich einen anderen Namen.

Das Prinzip „Wir hier oben- ihr da unten“ bleibt von der Namensänderung unberührt, denn für die mit Geld und Einfluß funktioniert es wunderbar. Der Rest ordnet sich unter, oder im besten Fall ein. So lebt man eben unter derselben bequemen Glocke, wie die zuvor erwähnten Kinder.

Seit Abschaffung der absoluten Monarchie im Jahr 1932, haben nacheinander verschiedene Familien-Clans und deren Unterstützer die Macht im Land übernommen. Sie nutzten die anerzogene Obrigkeitshörigkeit und daraus resultierenden Fatalismus, während assistierende Aufkleriker den religiösen Faktor „Karma“ übernehmen, wonach ohnehin alles im Leben vorbestimmt ist. Damit ist gewährleistet, dass eine überschaubare Elite in Reichtum und dementsprechend unantastbar schalten und verwalten kann. Kaum einer der Abgeordneten im Parlament hat eine weiße Weste und kaum einer im Clan der Superreichen, ist auf legale Weise zu immensem Vermögen gelangt. Andererseits zahlen unter meinen Prai-Nachbarn, von denen nun viele nach einem Ende der Korruption schreien und einen Regierungswechsel fordern, auch keine Steuern. Das alles ist Teil dessen, was man im Land unter  dem Begriff„Thainess“ versteht.

Wer genug Geld verdient, muß sich nicht auch noch Respekt verdienen

Nach außen wird das Hierarchie-System nicht nur durch die Begrüßung der Thais untereinander sichtbar. Das gilt zumindest für Thailandkenner und aufmerksame Beobachter.

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Thai „Wai“ und Indiens „Namastee“

Der „Wai“, ist die allgemeine Begrüßung unter den Thais. Dabei werden zuerst die Ranghöchsten und Ältesten begrüßt, danach diejenigen, die sozial gleichgestellt sind. Dabei werden die Handflächen bei einer gleichzeitigen leichten Verbeugung flach vor dem Körper aneinandergelegt. Je höher der Rang des Gegenübers, um so höher Wandern die Hände in Richtung Kopf und Stirn. Der Gruß von einer niedriger gestellten Person hingegen wird lediglich mit einem Lächeln oder einem Nicken erwidert, denn ein Wai als Antwort wäre der blanke Hohn. Aber es gibt eine ganze Reihe Varianten dieser Prozedur, wer, wem, wann diesen Gruß erweist. Die müssen hier nicht beschrieben werden. Das ist für Ausländer eher eine Art Lokalkolorit, wenn man von einigen Kuriositäten in diesem Zusammenhang absieht. Etwa als der ehemalige Premier Thaksin nach dem Kauf des englischen Fußballclubs Manchester City verlangte, dass ihm die Fans des Clubs bei seinem Erscheinen im Stadion den Wai erweisen sollten, waren viele Mancunians eher geneigt den Zeigefinger an die Stirn zu tippen.

Unterwürfig bis zum Kniefall

Aber die Respektsbezeugung von Prais gegenüber den Amart, geht in Thaksins Heimat noch tiefer. Genauer gesagt, bis auf den Boden. Bei offiziellen Meetings mit anwesenden Ministern wird vom Servierpersonal erwartet, dass sie in der Lobby Getränke und Häppchen auf den Knien servieren. Diese Art der Abgrenzung zwischen oben und unten braucht man wohl in einem Land, in dem man sich Respekt nicht verdienen muß,- er wird erkauft und folglich vorausgesetzt. Für Ausländer stellt sich sie Frage, ob diese zur Schau getragene Unterwürfigkeit, egal in welcher Kultur, im 21. Jahrhundert wirklich angemessen ist. Au Weia, mag sich manch „Westerner“ dabei denken. Zumindest das läßt sich nicht unter den Teppich kehren.

Ausländern und besonders Journalisten, die in westlichen Kulturkreisen und Demokratien aufgewachsen sind, wird immer wieder vorgeworfen, sie verstünden nicht was Thais unter dem Begriff „Thainess“ verstehen. Kein Wunder, denn darunter fällt auch alles, was von Fremden mit westlicher Bildung und entsprechendem Selbstverständnis gar nicht verstanden werden soll.

Selbst wenn etwas absolut aus dem Ruder gerät, hält man sich unter Thais mit jeglicher Kritik zurück, damit niemand das Gesicht verliert. Gleiches Verhalten wird jedoch auch von Ausländern erwartet, wenn sie sich das Leben im Land nicht unnötig erschweren wollen. Alles unter dem Motto Thais werden nicht böse, sondern süß sauer! Leider fallen sämtliche Verfehlungen von Lügen, über die allgegenwärtige Korruption, Betrug, bis hin zum Mord, ebenfalls unter den Mantel des Schweigens. Dass man als „Farrang“ eventuell ein Problem damit hat, wird von Thais nicht verstanden, oder gar toleriert.

Eine Abac-Umfrage unter 1.561 Personen in Bangkok ergab:

Lügen ist OK!

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87,5 Prozent der Befragten in Bangkok gaben an, Lügen sind akzeptabel, wenn sie dem eigenen Vorteil dienen. Allerdings werden selbst die haarsträubendsten Variationen gerne damit gerechtfertigt, dass weder der Belogene noch der Lügner das Gesicht verliert. Auch das ist „Thainess.“

80 Prozent gaben zu in den vergangenen 12 Monaten Beamte bestochen zu haben.

92 Prozent der Schüler und Studenten kopierten ihre Hausaufgaben von Kommilitonen.

74 Prozent betrügen bei den Examen. Sogar bei der Aufnahmeprüfung zum Polizeidienst

88 Prozent glauben, dass alle Ämter und Behörden korrupt sind.

Spricht man Thais direkt auf die Tatsache an, dass die Nation in einem Jahr von Platz 88 auf 102 im internationalen Korruptionsindex gelandet ist, bekommt man verblüffende Antworten. Eine davon ist die, dass die Idee zur Bestechung erst mit den chinesischen Einwanderern ins Land kam, deren „Tea-Money-Kultur“ nun eben zum Teil der eigenen Kultur wurde. Wenn etwas anrüchig wird, sind Thais immer in der Lage Auslandseinflüsse dafür verantwortlich zu machen. Wie heisst es so treffend? Patriotismus ist die Tugend der Boshaften.

 So langsam wird sichtbar, was alles hinter dem Vorhang „Thainess“ steckt.

Anhänger der PDRC* Protestbewegung fordern Demokratie und ein Ende der Korruption

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Weiss er wirklich, was er da herbeipfeift?

Es ist nur verständlich, wenn man als Ausländer die Frage stellt: ach, wirklich? Zu tief scheint unter Thailands Buddhisten der Brauch verankert zu sein, in Tempeln und auf Hausaltären Opfergaben unter die Stauen Buddhas, Ganesh oder König Rama V zu platzieren. Der Begriff Opfergabe wird allerdings weithin ad absurdum geführt, da das „Opfer“ ausnahmslos als Bestechung für die Erfüllung persönlicher Wünsche angesehen wird. Je mehr man gibt, um so höher die Erwartung. Wen wundert es da, wenn man die Taktik auch auf das Alltagsleben überträgt und als legitim empfindet. Wenigstens diesen Aspekt von „Thainess“ habe ich begriffen.

76.5 Prozent der Altersgruppe 20-29 finden Korruption akzeptabel, solange sie selbst davon profitieren. Schwer zu glauben, dass sie nun eine Gruppe unterstützt, die die gegenwärtige Shinawatra Übergangsregierung allein wegen Korruption aus dem Amt jagen möchte. Also fällt auch noch das Messen mit zweierlei Maßstäben unter „Thainess.“

Buddhismus und Bahtismus sind für Thais durchaus kompatibel

Wenn also ein Premierminister, wie Thaksin Shinawatra, korrupt ist und sein Amt zur eigenen Vermögensbildung mißbraucht, wird das von den einfachen Bürgern akzeptiert. Erstens steht er in den Augen der Prai, ebenso wie jede andere reiche Person, ohnehin über dem Gesetz und zweitens gilt es als für sie als erwiesene Tatsache, dass niemand in die Thai-Politik einsteigt, ohne sich bereichern zu wollen. Erstaunlich ist nur, dass sich gleichzeitig alle für gute Buddhisten und Staatsbürger halten.

Im Thai-Alltag sieht es so aus: Ein Dorf-Chef, der aufrecht und ehrlich seinen Aufgaben nachgeht, der keine „Geschenke“ zur Vorteilsgewährung annimmt und daher dementsprechend bescheiden lebt, hat keine Chance gegen einen neuen Bewerber für das Amt, wenn dieser im Mercedes vorfährt und Stimmen für seine Wahl erkauft. Wenn er anschließend als erste Amtshandlung mit Geldern des Dorfbudgets die einzige asphaltierte Straße zu seinem Haus bauen läßt, wird das akzeptiert. Er bekommt stets den Wai zur Begrüßung und im Provinzhotel wird ihm der Tee in der Lobby auf Knien serviert. Man verbeugt sich im Grunde genommen vor jeder goldenen Rolex, schwarzen Limousine, Amts- und Würdenträgern, selbst wenn man weiß, dass sein Gegenüber reichlich Dreck am Stecken hat. Thainess eben.

Unterwürfigkeit vor Geld und Einfluß kennt keine Grenzen. Wenn der Besitzer meines Apartmenthauses vom Parkplatz fährt, rennen die Securityguards auf die Straße, um den Verkehr zu stoppen, damit der Herr freie Fahrt hat. Dennoch weist, bis auf den Lexus seiner Frau, jedes seiner zwölf Autos Beulen und Schrammen auf, weil er offensichtlich andernorts nicht in seiner Stellung erkannt wird, um standesgemäß aus der Parklücke gewunken zu werden.

Thailands Elite kreierte für sich einen Staat der Kleptokratie (persönliche Bereicherung durch Ausnutzen gesellschaftlicher Privilegien).  Davor verbeugt man sich im „Land of Smiles.“

Um  den Status Quo zu halten, leistet man sich Institutionen wie etwa das „Ministry of Culture“, dass mittels Zensur und bindende Vorgaben an Bildungseinrichtungen, als eine Art Benehmen- und Gedankenpolizei fungiert.

Die derzeitigen Proteste der “PDRC”*, ebenso wie die vergangenen der „Redshirts“, sind weniger ein Ausdruck der Bevölkerung gegen Korruption, oder die Unfähigkeit  und Verfehlungen der jeweiligen Regierung. Sie stammen eher aus Rivalitäten verschiedener Clans und Gruppierungen innerhalb der Elite, bei dem Versuch die eigenen Festungen zu sichern.  Ihre Gelder machen es dem einen Clan möglich, Reisbauern-Hausfrauen aus dem Isan zu einem bezahlten Ausflug in die Hauptstadt einzuladen. Klingt nach Kaffeefahrt ohne Heizdecken, dafür aber mit Fear-Faktor Demo Handgranaten-Feuerwerk und brennenden Banken und Shopping Malls. Auf der Gästeliste des anderen Lagers stehen Angestellte und gut betuchte Bürger aus Bangkok, denen man den Alltag mit Entertainment, freier Verpflegung und etwas Taschengeld zu versüßen sucht, um sie vor ihren Polit-Karren zu spannen. Neun Todesopfer und über 500 Verletzte, verursacht durch Schiessereien und Handgranaten, wurden dabei seit Dezember 2013 in Kauf genommen.

Die Partei von Thaksins Schwester Yingluck (Pheu Thai), scheint derweil die alte Küchenweisheit, wonach ein Soufflé nicht zweimal aufgeht, zu vergessen. Es gilt als wahrscheinlich, dass sie die von ihrer Übergangsregierung anvisierten Wahlen gewinnen würde. Fraglich ist nur, ob sie stattfinden und ihr die Reisbauern, die seit Monaten auf ihr Geld des von der Regierung zu weit überhöhten Preisen gekauften Reis warten, noch einmal ihre Stimme geben.

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Rothemden und PDRC- Same Same but different?

Der Ruf nach „Demokratie“ kommt in beiden Lagern gleich gut an. Das Problem scheint zu sein, dass niemand in der protestierenden Masse wirklich versteht, welche Version von Demokratie den Initiatoren der Demonstrationen vorschwebt. Woher soll das Verständnis auch kommen, in einem Land in dem Elternhaus, Schule, Kultur- und Religionshüter lediglich unbedingten Gehorsam gegenüber Älteren, Lehrern, Amtsträgern und Mitgliedern der reichen Elite verlangen? Ohne eine Revolutionierung der kulturellen Mentalität (Thainess), bleibt dieses Land ohne Chance auf dauerhaften Frieden. Solange die Prai die bestehende hierarchische Gesellschaftsform anerkennen und als unabänderlichen Teil ihrer Kultur akzeptieren, regieren „Thainess“ und deren Interpreten, nicht aber Demokratie im Land.

Flächendeckende Aufklärung, Erziehung zur Selbständigkeit, zu kritischem Denken, zum Hinterfragen und  Förderung von Selbstvertrauen kommender Generationen, wären Ansätze in Thailand Demokratie zu erlangen. Aber dafür stehen die Zeichen nach wie vor schlecht, solange Einfluß in Thailand bedeutet, genug Geld und Macht zu besitzen, um genau das zu verhindern.

*„People’s Democratic Reform Committee“

Wer beschließt, sein Leben der Politik zu widmen, weiß, dass Geld zu verdienen, nicht die oberste Priorität ist…

Angela Merkel
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