Schummel Cum Laude – Examen an Thailands Universitäten

Thailands Bildungssystem, wenn man es denn trunken vom imaginären Charme des Landes so nennen will, hat schon seine Eigenheiten. Korruption und Beschiss bestimmen über jede Klassenarbeit in der Dorfschule und sogar Examen an einer der Hochschulen, die selbst in Asiens Uni-Rankings konstant die diffusen Schlusslichter liefern.

Die Wahrscheinlichkeit, die Korruption im Land des (verlegenen) Lächelns auszurotten, ist in etwa so groß wie bei McDonalds einen Quark mit Gräten serviert zu bekommen. Also lässt man nicht einmal die hanebüchensten Anläufe, wenigstens den Prüfungs-Beschiss in den Griff zu bekommen unversucht. Hier die neueste Variante des Versuchs einer zumindest in Thailand renommierten Uni (Kasetsart Universität), das Problem des Abschreibens in Examen einzudämmen.

Anti-Beschiss-Helme Thaistyle

„Anti-Beschiss-Helme“ der Kasetsart Universität

Vor dem Hintergrund, daß kaum einer der Studenten durch ein Examen fällt, immerhin haben die Eltern eine Campus Maut zum Preis eines Kleinwagens ´rausgetan und es sich weder der Dozent noch die Uni leisten kann, daß jemand „das Gesicht verliert“, werden hier am laufenden Band Denkamöben in die Berufswelt entlassen, die in Europa, Amerika und Australien gerade einmal als Diplomputzfrau, Wurstfachverkäuferin, oder männliche Äquivalente wie  Raupenbahnspringer, oder Diplom Kaffeekocher produziert werden.

Warum nicht, wenn's im Tierreich funktioniert...

Warum nicht, wenn es sich im Tierreich bewährt hat…

Erdacht wurde das System höchstwahrscheinlich von Dozenten, die sich ohnehin der Schwellendidaktik verschrieben haben. Der Begriff Schwellendidaktik ist eine Bezeichnung für einen Unterichtsstil, bei dem der Lehrkörper erst beim Überschreiten der Türschwelle den Unterrichtsinhalt zusammenstellt.

Inzwischen weiß man im Land, daß so ein Versuch den Examensbetrug einzudämmen kein Einzelfall ist, wie das nächste Foto zeigt.

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Thais sind Weltmeister der Dekoration. Hier unsere Alternative für die Fashionosta unter den Examensschummlern: formschön, praktisch, ausgewählte Materialien und jetzt auch in den angesagten Farben des Sommers erhältlich. Die passen sogar zu Papas pinkfarbenen Bentley.

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Und welche Art von Akademikern produziert man hier?

Von der Vorschule über die Grundschulen bis hin zu Universitäten, gleicht der Bildungsweg eher einem Marsch durch eine Militärakademie  á la Westpoint. Frisur und Haarlänge, Dinge die im Land mit einer Menge Symbolismus einhergehen, wurden 1972 von der damaligen Militärregierung bestimmt, deren Regelungen bis heute gültig sind. Die Gleichmacherei durch Uniformpflicht, gilt nicht nur in Schuhfabriken sondern auch an den Hochschulen. Aber das verwundert kaum jemanden in einem Land, in dem selbst Parkwächter in Phantasie-Admirals-Uniformen herumstehen, die an Türsteher des Café Keese erinnern. Thailands Schulen sind vergleichbar mit Kaderschmieden, die lediglich eine Masse konformistischer Bürger produzieren. Die  Lehrer, ich scheue mich sie Pädagogen zu nennen, kontrollieren allmorgendlich beim Appell die Haarlänge, korrekten Sitz der Uniform und sogar die Fingernägel der Schüler. Jeder Ansatz von Individualität, kritischem Hinterfragen und „Ungehorsam“ wird im Keim erstickt und Verfehlungen immer noch mit dem Rohrstock bestraft. Wenn der Vater eines mittels Expressbeschulung zum Scheinwissen erzogenen 10-jährigen Knaben, auf seinen Sohn in einer Isan-Dorfschule zeigt und stolz verkündet: „Der kommt mal an die Uni“ ist man geneigt zu antworten: „Ja, aber wahrscheinlich in Formaldehyd.“ Denn er gehört zum bildungsfernen Prekariat, was so viel wie „arm und ungebildet“ bedeutet.

Same same but different?

Same same but different?

Der Besuch der sechsjährigen Grundschule ist Pflicht und eigentlich kostenfrei. Ich bin kostenlos in die Schule gegangen, ein großer Teil der Thais dagegen umsonst. Inzwischen tragen die Eltern und Schüler immer häufiger die Kosten für Unterrichtsmaterialien und verschiedene Schuluniformen für unterschiedliche Wochentage. Dabei treten die Lehrer, die eigentlich zu den „Besserverdienenden“ im Land gehören, als Zwischenhändler der Lehranstaltskutten und Schulbücher auf.

An den Hochschulen herrscht ein System das uneingeschränkten Gehorsam fordert. Selbst mit Hinblick auf die lausigen Ergebnisse, die Thai-Studenten bei Tests im internationalen Vergleich vorweisen, scheint ein gehorsamer akademischer Blindgänger der Gesellschaft mehr Wert zu sein, als jemand der examensrelevante Antworten nicht nur auswendig gelernt, sondern den Lehrstoff auch verstanden hat. Fragen und das Vortragen einer eigenen Meinung sind  im Unterricht nicht erlaubt. Ein ehemaliger Richter in Thailand beschrieb die Situation so:  Schüler zu ermutigen, eigene Meinungen zu vertreten und Debatten zu führen wäre gut für die Demokratie in einem Land, das zahlreiche Regierungsumstürze (23 Staatsstreiche und versuchte Staatsstreiche seit 1932) auf seiner acht Jahrzehnte dauernden Reise aus der absoluten Monarchie erlebte.

Inzwischen erwarten Thai-Studenten auch kaum etwas anderes, als mit Information und Lehrstoff gefüttert zu werden, den sie in Examen gebetsmühlenartig hervorbringen. Eigenverantwortliches Lernen wird nur selten und in geringem Maß gefördert. Thai-Studenten belegen zum Beispiel in Mathematik Platz 52 im internationalen Vergleich. Da hilft es auch nicht, wenn die schriftlichen Examensprüfungen mit Bleistift geschrieben werden, um dem Dozenten die Möglichkeit zur Korrektur zu erleichtern. Wenigstens kann man den Paukern keine Verbindung ins Rotstift-Milieu unterstellen. Gegen eine angemessene Tutoren-Spende lassen sich die Prüfungen auch mehrfach wiederholen, bis das gewünschte Ergebnis (diplomierte Denkamöbe) erzielt wird.

Sompong Jitradub, eine anerkannte Autorität auf dem Gebiet Bildungssysteme der Lehrplan Revisionskommission, brachte es auf den Punkt. Er sagte: „Je mehr sie studieren, desto dümmer werden die Studenten. Alles was sie tun müssen ist auswendig lernen, sie brauchen nie kritisch zu denken und haben keinen Meinungsaustausch mit den Lehrenden.”

Aber was soll man schon erwarten, wenn Lehrer und Dozenten mit Isan-Abi in Tests ihrer eigenen Unterrichtsfächer durchfallen. Prüfungen des Bildungsministeriums von Lehrern in ihren eigenen Fächern ergaben, daß etwa 88 Prozent im Fach Computer-Studien, 84 Prozent in Mathematik, 86 Prozent in Biologie und 71 Prozent in Physik, durchfielen! Fast 95 Prozent der über 37.500 Sekundar-Schulleiter erreichten nicht die Mindestpunktzahl in Englisch und Technik, so das Ministerium. Verona Feldbusch hätte in Thailand den Bachelor in 5 Semestern geschafft!

Eines der Ergebnisse von Leere & Forschung der Studenten, die wahrscheinlich die Orchideenfächer – Soziologie und Geschichtswissenschaften unter Dozenten am Institut für angewandte Philatelie studiert haben, sind farbenfrohe Examensfeiern nach bestandener Prüfung:

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Nicht ganz so schneidig wie das Innsbrucker Original, aber immerhin

Examensfeier Parade-1

Wenn fundiertes Grundwissen durch grundiertes Fundwissen ersetzt wird…

P.S.

Wer nun glaubt, angesichts des massiven Examensbetrugs, oder bestochener Lehrer, die Ordnungshüter um Hilfe bitten zu können, ist mit Sicherheit nicht in Thailand aufgewachsen. Im vergangenen Jahr wurde ein Skandal bei den Eignungsprüfungen zum Polizeidienst aufgedeckt. 280.000 bewarben sich um 10.000 Stellen. Die Polizei hat sechs Personen verhaftet, die bei einer Gendarmerie Schule in Si Sa Ket an Prüfungsbetrug mit elektronischen Hilfsmitteln beteiligt waren. Die Cops beschlagnahmten 10, 500.000 Baht (ca. € 251.000), die angeblich von 30 Prüflingen zur Examensbeschleunigung gezahlt wurden. Das wären 350.000 Baht für einen Job in dem Neulinge 8.000 Baht im Monat verdienen. Die Frage danach, warum die meisten Cops korrupt bis in die Knochen sind, erübrigt sich damit, zumal Beförderungen in den meisten Fällen ebenfalls erkauft werden müssen.

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