„Maschendraht Zaun“ IV

Allraziera

 Eigentlich heiβt er Ali. Das kann ich hier bedenkenlos mitteilen, denn davon soll es ja ein paar mehr geben, als Gottfrieds oder Eberhards. Den Spitznamen hat er bekommen, weil ihn alle wegen seines Arafatfeudels um den Hals und 17 Uhr Schatten im Gesicht für einen Araber halten und er mit seinen Moped-Stunts, bei denen er treffsicher alles umfährt, was auch nur rein rechnerisch in seiner Reichweite liegt, selbst Heiβsporne unter Kamikazefliegern vor Neid erblassen lassen würde. Ali stammt jedoch aus dem Indus Tal im „Land der Reinen“, wie Pakistan aus dem Urdu übersetzt heiβt. Damit kommt er aus einer Gegend, die aufmerksamen Gymnasiasten als die Ur-Mutter aller folgenden Hoch-Kulturen bekannt ist. Das mit den „Reinen“ und der „Hochkultur“ hat sich durch den unermüdlichen Einsatz von lokalen Suizid-Volontären, die mit einer Portion Ammoniumnitrat und der Hoffnung darauf, ein Dutzend paradiesischer Jungfrauen zu vernaschen, versuchen wieder mit sich ins Reine zu kommen, zumindest aus westlicher Sicht inzwischen etwas relativiert.

 Es verging keine Woche in der unser Belutschistan Biker nicht mit einem neuen Verband, Pflastern in Geschenkgutscheingröße, Gehgips, blutunterlaufenen Augen und Gesichtshämatomen, die in der Farbgebung die ganze Palette von jungfräulichem Reisfeld im Morgentau, über lila Flanellläppchen, bis zu Eisprung auf Delfter Küchenfliesen darboten. Vielleicht,- und wer weiß das schon genau- hat man ihn aus seiner reinlichen Heimat ja auch nur mit den freundlichen Worten entlassen: „So und nun geh und mach‘ Bangkok platt, aber laβ‘ es wie einen Unfall aussehen, das gibt uns einen Vorsprung bei der PR-Arbeit, bevor der Mossad wieder irgendetwas in unsere Basisarbeit hineininterpretiert.“

 Auf tragisch/ironische Weise scheint genau das am 15. Februar 2012 eingetroffen zu sein, wofür wir den armen Patpong Pashtunen im Verdacht hatten. Ein paar verrückte Iraner haben tatsächlich versucht Bangkok plattzumachen. Und, ganz wie in unserer Prognose, sah es nach einem Unfall aus! Noch beim Klang berühmter letzter Worte wie: „Der Blaue! Knips den blauen Draht durch!“ Oder: „Der Rote! Knips den roten Draht durch!“ Kam es wohl beim endgültigen Vorschlag: „Beide! Knips beide auf einmal durch!“ zur Explosion, die das angemietete Anwesen der Amateurterroristen wie ein Gewächshaus nach Hagelschlag aussehen ließ. 

 Nach normalem Sterbetourismus, wie etwa freier Fall vom Balkon eines Pattaya Condominiums, sahen Ali’s Aktionen nicht aus, wenn er mit seiner 125er Zwiebacksäge „Thai-Qaida in den Sois“ gegeben hat. Letztes Beispiel für derlei Luftnummern, war der Managing Director von Red Bull, der in Pattaya splitternackt über die Balkonbrüstung im 18. Stock den endgültigen Ausstieg aus seiner Firma suchte- und fand. Wie heiβt es doch gleich in deren TV Spots? ”Red Bull verleiht Flüüügel“ Man soll halt nicht alles glauben, was die Werbung verspricht- selbst wenn sie aus der eigenen Firma kommt.  Wieso erinnert mich das jetzt an meine Zeit im „Springer Verlag?“

  Augenzeuge eines von Allraziera‘s „Karachi sucht den Karacho-Superstar Stunts“ wurde ich nur einmal. Das geschah in der einzigen echten Applauskurve unserer Soi, die der Schikane einer Formel 1 Strecke gleicht. Breit grinsend und voll wie ein Eimer, kam uns der Promille Taliban im Komasutra-Rausch mit beiden Händen winkend, ohne Rummsmurmel und mit einem freundlichen „Hi guys, how are you“ auf den noch unversehrten Lippen entgegengebraust und vereinigte sich und seine Hindukusch-Harley, in einer unvergleichlichen Demonstration von erfolgreicher Kaltverformung mit einem Stand, an dem bis zu seinem Eintreffen über Holzkohlenfeuer gegarte Tintenfische verkauft wurden. Ungeachtet der alten pakistanischen Bauernregel, wonach ein Mann mit Bart nicht ins Feuer blasen sollte, überkamen ihn unzählige Bröckchen glühender Holzkohle, zur Schadenfreude von Grease auch noch etwa ein Liter industriell verarbeitetes Speiseöl und Squids, die sich wie im Begattungsrausch auf seinem zunächst reglos am Boden liegenden Körper ausbreiteten. Neil kommentierte das Geschehen wie immer trocken: „Der fährt wie ein Organspender.“ Amselfelders Kommentar fiel ähnlich aus: „Der würde sogar auf einem masurischen Waldweg die Leitplanke bügeln.“ Nachdem Ali Davidson aus der Klinik, eingehüllt in kilometerlangen Mullbinden entlassen wurde, sah er eigentlich wieder so normal aus wie immer. So, und nicht anders, kannten wir ihn. Er bekam jedoch von jedem Zuschauer,- selbst unter den Thais- ausgezeichnete Haltungsnoten, weil er nicht gejammert hat. Die Lokals haben da eher mehr so die Einstellung, was soll‘s- man kann schlieβlich auch ohne Beine die English Primer League im TV erleben.

 Wovon Allraziera eigentlich lebte, war allen ein Geheimnis. Es wurde gemunkelt, daβ er sich aus reinem Frust über die Geschlechtertrennung in den Koranschulen (Pakistans Antwort auf das deutsche Reinheitsgebot) seiner Heimat sein Erbe auszahlen ließ, um in den kleinen Sois in Bang Cock ein Praktikum in Sexualkunde zu absolvieren. Eine der cleveren Nacktschnecken aus Nana, die er im Penisrausch kennenlernte, schaffte es sogar mit ihm in seine Heimat zu fliegen, um den Verwandten als Ali’s Braut, einen Kulturschock bis ins Mark zu verpassen. Nach dem Verkauf einiger ertragreicher Äcker und anschlieβendem Transfers des Gewinns, verabschiedete sich die Nachhilfelehrerin von ihrem Madrasa Freier. Vielleicht hatte sie Schwierigkeiten sich im Indus Tal anzusiedeln, nachdem Ali ihr beichtete: Ja verdammt, meine Eltern wohnen noch bei mir!

 Angeblich konnte der muslemische Kneipenkaiser mit Vorliebe für Fledermaustee (Bacardi Cola), alles be,- und entsorgen. Im Programm waren: Jahres-Visa, Arbeitsgenehmigungen, tonnenweise „Wacky Tobaccy“, frische Lammkeulen und Polizeischutz. Geliefert hat er nicht einmal die Lammkeulen.

 Er lud mich einmal zu sich nach Hause ein, um mir ein paar DVD’s aus seinem reichhaltigen Fundus zu leihen. Als er die Tür aufschloss, outete er sich damit in Sekundenschnelle als Mietspiegelversenker. Sein wehrmachtsgelbes Bernsteinzimmer war unter den Nachbarschftsnutten nicht nur als „lebende Wohnung“ sondern auch moralfreie Kemenate und bei den Nachbarn als Partyhiroshima bekannt. Die Bude, gegen die ein Katzenklo wie eine Airport Lounge wirkt, wurde von einem Russenlüster beleuchtet in dessen Schein er zwischen Wäschestapeln, Tellern mit Muttoncurry vom vergangenen Wochenendgelage und vergessener Damenunterwäsche der Sonderklasse nicht eine einzige DVD finden konnte.

 Inzwischen hat Allraziera’s Familie wohl auch den Trieb verloren, seine Studien mit dem Verkauf eines weiteren Pistazien Hains zu finanzieren. Man munkelt er wohnt nun irgendwo zwischen Soi 3 und 11, wo er mit einem Stapel getürkter Pässe in der Hosentasche einen Legitimationsbauchladen für Asylbewerber betreibt und bei einem Landsmann mit Kebabladen in einer Art Dehnungsfuge mit Nasszelle wohnt.

Allraziera‘s neues Wohnmobil?

Nachruf:

 Die Buschtrommeln der Soi haben uns verraten, daß Allraziera verstorben ist. Erstaunlich daran war eigentlich nur, daß es kein als Moped-Himmelfahrt getarnter Selbstmordanschlag war, der ihn seinem Schöpfer näher brachte. Er soll nach seinen Jahren im unmoralischen Exil nach Pakistan zurückgekehrt sein, wo er wohl etwas zu eindringlich auf die Auszahlung seines Erbteils bestanden hat, nachdem sein Vater verstarb. Es kursiert das Gerücht, daß sein Bruder mit Hilfe der Produktreihe von Heckler & Koch, die Streitereien um Land und Konten endgültig beendete.

R.I.P. Ali!

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