Mit solchen Nachbarn träumt man vom „Maschendraht Zaun“

 „Für arme Eltern kann man nichts,- jedoch für arme Schwiegereltern!“ So lautet eine alte Weisheit. Seit einiger Zeit beschäftigt mich allerdings die Frage, inwieweit der Spruch auf die eigene Nachbarschaft Anwendung findet. In der Regel zieht man ja nicht in eine Gegend, in der man vorher Feldstudien über die zukünftigen Nachbarn erhoben hat. Wen sollte man da, besonders in einem Land in dem es mehr Gerüchte- als Garküchen gibt, auch Befragen? Wer in Hamburg etwa bewusst am Groβneumarkt, oder im Schanzenviertel und in Berlin am Prenzlberg gewohnt hat, zieht in einer Stadt wie Ban Cock nicht in eine Gegend wo die Shinawatra’s nur mit den Chalerm’s sprechen und die Prem’s nur noch mit Gott reden. Ich wohnte also im Labyrinth der zigtausend Sois, mit mom&pop shops, dem unvermeidlichen 7-Eleven an der Ecke und 30 Garküchen auf 100 Metern. Das Apartmenthaus, in das ich damals einzog, machte eher den Eindruck eines Studentenwohnheims mit 160 Ein-Zimmer Apartments. Etwa die Hälfte davon wurden von Bargirls, oder Freelancern bewohnt, deren Miete zumeist von im Ausland lebenden Gelegenheitsfreiern bezahlt wurde. Der Alltag hier, trifft irgendwie nicht ganz so die europäische Vorstellung vom Leben in den Tropen, aber man kommt mit kleinem Budget gut über die Runden.

 Zu Beginn waren wir nur zwei Ausländer in der Gegend, aber die schlechten Umtauschkurse für Devisen trieben immer mehr Konfliktnomaden in unser „Barrio.“ Fast unmerklich entwickelte sich die Szenerie in den umliegenden Sois zu einer Art Begrüßungszentrum im Panoptikum des Grauens. Am Abend saßen der Australier Neil und ich gerne mit einer Hopfenknolle zum Tratsch vor dem Haus und es ging, in unserem Teil der 15 Millionen Metropole- abseits von den Dubai-Deutschen zu, wie auf einem dörflichen Marktplatz. Irgendwann gehörten die beiden biertrinkenden Farrang ebenso zum abendlichen Bild der Soi wie der Käfersnack Verkäufer und der  Kassenwart des lokalen Loansharks. Wohlwollend könnte man das feierabendliche Gewimmel vor uns als „Bunte Mischung fragwürdiger genetischer Zufallsverbindungen“ bezeichnen. Aber wie sagt man so treffend? Die Evolution macht keine Gefangenen,- jedenfalls nicht hier.

 Pünktlich um neun Uhr schlurften die sechs Security Guards in Uniformen, die an Schützenkönige oder Türsteher vom Café Keese erinnern, im Gänsemarsch an uns vorbei. Von den männlichen Sicherheitsbeauftragten mit blutunterlaufenden Augen und dem obligatorischen Lipovitan Fläschchen in der Arthrose Faust, hätte keiner eine 10 Metern Distanz unter 12 Sekunden zurücklegen können. Die drei weiblichen Eigentumsbeschützer waren, ungeachtet ihres Alters (60 something?), pommesgeschminkt (rot/weiss), als wären sie auf dem Weg zum Auftritt in einer Peking Oper. Ebenso bei der Polonaise dabei: Katoeys mit riesigen Silikonhupen und der Figur einer Buchenwaldschablone, auf dem Weg in die Aufreißer-Schuppen der anderen Art, wo man dioptringeschwächten Hinterwäldlern „Nuts in white Satin“ verheißt. Dazwischen gab es völlig versiffte Kippen sammelnde, barfüßige, halbnackte Pfandgeld Hunter im Rastafari Look, um die die Mädels in den pikfeinen Studentenuniformen immer einen Riesenbogen machten, fettleibige Muttis die im Teddybär Muster Pyjama auf Mopeds vorbei brausten und natürlich unzählige Nutten auf dem Weg zur Arbeit, die wir anfangs noch mit Noten von eins bis zehn bedachten.

 Aber auch meine Farrang Nachbarn aus den Zuzugsgebieten zwischen Minnesota und Melbourne hatten es in sich, wie die folgende Beschreibung aufzeigt. Das ist wie im Touristenflieger, man kann sich seinen Sitzplatz Nachbarn nicht aussuchen und hofft- meist vergeblich, er würde unter Blasenschwäche oder Lebensmittelvergiftung leiden, damit man beim 11 Std. Flug wenigstens bis zum Himmel über dem Kaukasus seine Ruhe hat. Um nicht als Opfer der mir angeborenen Offenheit irgendwann mit einem Dutzend Messern im Rücken in einem der Klongs das letzte Bad vor der Menge zu nehmen, werde ich nur die Spitznamen der Protagonisten nennen und nur Fotos verwenden, die dem Original wenigstens gefährlich nahe kommen:

Grease 

Kürzlich, unter an Geburtswehen erinnernde Schmerzen 55 geworden, hat er den gröβten Teil seines Lebens als Offizier der U.S. Airforce verbracht, was man anhand der feschen schwarzen Brille auf der Raspelbirne schon hätte ahnen können.Er sieht etwa so aus wie Alfred E. Neumann im Rentenalter.

 Inzwischen haβt er seine Heimat ebenso wie seine Landsleute, die er gegen die Bolschewiki verteidigt hat so sehr, daβ er mit einem in die Jahre gekommenen Wonderwoman aus den Bars in Nana ein Kind gezeugt hat, um sich als Vater eines Thai-Kindes für ein Jahresvisum zu qualifizieren. Jeder Therapeut, würde bedenkenlos behaupten, der Mann hat für Psychologie Studenten als Lehrmaterial den Wert einer Selenium Ader, egal auf welche Macken sich die Hörsaal-Tafelglotzer spezialisieren wollen. Erste optische Warnung: Er hält seine Zigarette immer zwischen Mittel- und Ringfinger der rechten Hand. Vielleicht, um blitzschnell auf spontane Autogrammwünsche reagieren zu können.

 Zweimal wöchentlich, immer am Mittwoch und Sonntag,  verkleidet er sich als Zorro, mit immer demselben schwarzen Hemd, schwarzer Jeans und schwarzen Turnschuhen und natürlich seiner Maulwurfbrille, um sich mit seinem favorisiertem Bargirl, das er „my girlfriend“ nennt, in immer derselben Bar der Soi Cowboy zu treffen. Dort spielt er zwei, drei Runden Pool, nach selbst erhobenen Regeln, die ihn so manches Mal in ernsthafte Schwierigkeiten bringen und am Sonntag läβt er sich zwei kleine Schälchen mit Erdnüssen servieren. Aber eben nur sonntags, da derlei Völlerei auch noch am Mittwoch, sein Budget sprengen würde. Seit seiner Stationierung in Estland und Russland trinkt er nur noch Wodka. Bevorzugte Marke ist der Billigsprit „Paranoya“ aus Vietnam. Sein Kommentar dazu: „Paranoya saved my life!“ Recht hat er! Denn er glaubt fest daran, daβ seine gelegentlich unter Pseudonym  an die Bangkok Post geschriebenen Leserbriefe seit langer Zeit auf der Watchlist des CIA stehen. Gegen zwei Uhr morgens schleppt er seine Langzeitbekanntschaft per Taxi nachhause. Sie steigt immer 150 Meter vor der Haustür aus und geht vor dem Taxi her, weil sie auβerhalb der Bar nicht mit ihm gesehen werden möchte.

 Monatelang hat er uns in jedem Gespräch als selbsternannter Lebensmitteldesigner im Feldzug gegen industriell verarbeitetes Speiseöl genervt. Daher sein Spitzname Grease. Er zog jede Unterhaltung an sich, um uns über sein Sodbrennen, Völlegefühl, Herzrasen und gastro-interne Winde zu informieren, die er leider beim letzten Barbesuch nicht unterdrücken konnte. „Aber seitdem ich alles in Hühnerfett brate und koche, geht es mir so gut wie in meinem ganzen Leben nicht…“ Heiliges Hehndl, wer hätte das gedacht? Und vor allem,- wer wollte das wissen? Wenn ihn nach Mitternacht im Vollrausch in seinem Apartment der Forschergeist überkam, begann er auf seiner elektrischen Kochplatte geschmackliche Supergaus zu fabrizieren, die er uns am nächsten Tag anbot und die eigentlich nur dazu dienten, die Straβenköter zu verschrecken. Eine seiner „Pasteten“, die wir den Soi Dogs anboten, die sonst jeden Pudding vom Balken lecken, bewirkte lediglich, daβ uns die Gehwegratten noch Tage danach anknurrten.

 Allmorgendlich um punkt 11 taucht Grease am Stand der Kaffee Omi auf. „Kaffee ist ein soziales Getränk. Ich kann zuhause keinen Kaffee trinken, es müssen immer Leute um mich herum sein, sonst krieg ich den nicht ´runter.“ Dabei hat er sich einmal mit Neil versehentlich in ein Gespräch über Thai Politik verwickeln lassen. Da er komplett anderer Meinung war als der Australier, erregte er sich so sehr, daβ er seinen Ärger noch bei Tageslicht und dazu an einem Freitag mit seinem Kumpel „Paranoya“ erörtern muβte. Grease war daraufhin zwei Tage lang komatös besoffen. Seitdem geht er Neil aus dem Weg. Ich glaube, er haβt ihn sogar, weil der es geschafft hatte, seinen minutiös geplanten Tagesablauf über die Klippe zu stürzen. Ausserdem war Grease danach verzweifelt auf der Suche nach einer Ersatzperson, von der er am Dienstag und am Freitag ein mobile phone leihen kann, um seinen Sohn im Isan und seine Mama im amerikanischen Bible Belt anzurufen. Nach eigenen Angaben braucht er kein eigenes Telefon. Wahrscheinlich hat „Paranoya“ ihm geflüstert, daβ ihn die Jungs mit den Schwarzen Sonnenbrillen und dem Knopf im Ohr jederzeit über sein Handy orten können. Aus dem Grund hat er auch keinen eigenen PC und verbringt bis zu 10 Stunden im Internet Café zwischen halbwüchsigen Gamern, um Familienforschung zu betreiben. Dabei streitet er sich via E-Mail mit anderen Ahnenforschern von Aberdeen bis Albuqerqe bis zur Beleidigungsklage darüber, ob ein gewisser John Smythe nun in diesem oder jenem County West Virginias geboren wurde und seine eigene Schwester geheiratet hat. Sollte Grease irgendwann herausfinden, daβ sein Stammbaum eigentlich kreisförmig gewachsen ist, dreht der völlig ab.

 An dieser Stelle wird wird es auch niemanden mehr wundern zu erfahren, daβ Grease auch als Hypochonder unterwegs ist. Jeder Nieser wird von ihm als beginnende Vogelgrippe, und jeder Muskelkater als Multiple Sklerose in der Warteschleife diagnostiziert. Um einer drohenden virologischen Weltherrschaft vorzubeugen, verteilt er Antibiotika, selbst an Leute die einen Hangover haben und ist dabei so penetrant wie ein pädophiler Dorfpfarrer mit einer Tüte Schokodrops. Immer begleitet vom letzten Satz eines Hypochonders: „Na, glaubst Du mir jetzt endlich?“

Advertisements

Eine Antwort to “Mit solchen Nachbarn träumt man vom „Maschendraht Zaun“”

  1. Gefaellt mir gut der Blog. Schone Themenwahl.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: