Reisbauernträume, Pixel Wichser, Titties & Bier

„Die Zensur ist das lebendige Geständnis der Großen, daß sie nur verdummte Sklaven treten, aber keine freien Völker regieren können.“ 

(Johann Nepomuk Nestroy)

 Gedanken über die seltsame Praxis der Pixilation im Thai TV und den Mangel an gesundem Menschenverstand. Oder- hat vielleicht Kim Jong Un, der als „Genie der Genies“ Nord Koreas bezeichnete Diktator, einen heimlichen Thai-Job als Medienberater? 

 Es erscheint nur vernünftig, wenn Eltern bemüht sind ihre Kinder bewusst vor Gewalt, Drogen, Pornographie, Alkohol und Glücksspiel zu schützen. Fragwürdig erscheint jedoch die Funktionalität der Verbote für Alkohol-und Tabakwerbung im Fernsehen, in einer Gesellschaft, in der gleichzeitig alle Produkte in jedem Regal eines Tante-Emma-Ladens, oder auf offener Straβe, plus entsprechender Werbung ausgestellt sind.

 Halbverweste Leichen, abgerissene Gliedmassen und Gehirnmasse auf Treppenabsätzen, waren bis vor einigen Jahren ein wichtiger Bestandteil der Frontseiten aller thailändischen Tageszeitungen und Yellows. Dagegen erschien BILD wie ein „Händefalt-Flyer“ des Vatikans. Das hat sich inzwischen geändert, auch ohne daß die Auflagen spürbar sanken. 

 Nun sind Thai-Seifenopern und die täglichen Unterhaltungsshows vom Typ Dilettantenstadl das Nonplusultra der Trostlosigkeit, die den künstlerischen Anspruch eines Fremdenlegion-Manövers haben. Da hilft es, wenn die Mehrheit des Publikums so dumm ist, daß sie mit dem Finger in der Nase aufs Gesicht fallen.

 Als Ausländer kann man das nur gähnmanipuliert, sang-somsioniert und erfolgreich humorgenesen ertragen. Diese Art der Unterhaltung, die von vielen im Land auch als Bildungsprogramm missverstanden wird, wurde nur erfunden, damit alles andere menschliche Treiben in der Welt, von Nasenhaar-Makramee, über Cricket, bis zum Sammeln des Inhalts von Überraschungseiern, etwas aufregender wirkt.  Dafür sind die „Soaps“ sauber- und zwar so sauber, da duschen sogar die Kakerlaken!

 Wenn die Puritanismus-Taliban im Pixelministerium so sehr auf authentische Wiedergabe von „Thainess“ und Thai Kultur bedacht sind, warum leben die Darsteller der lokalen TV-Produktionen dann immer in 1500 m² Villen, die selbst die personifizierte Geschmacksverirrung, Donatella Versace (Botox Bagge Bolognese), als zu protzig-kitschig bezeichnen würde? Dazu gehört immer ein Fuhrpark mit Luxuskarossen für jedes Familienmitglied, Designer Klamotten und Goldschmuck wie in den Auslagen des Bazars von Dubai. Diese „Wir da oben- Ihr da unten Message“ wird tagtäglich in die Millionen Bretterbuden des Landes übertragen… 

 Aber was soll der Blödsinn, in alten und neuen Filmen nachträglich Zigaretten, die Flasche Bier in der Hand eines Schauspielers, oder die Pistole in seiner Hand per Bildbearbeitung unkenntlich zu machen? Glauben die Leute, die jemand kürzlich in einem Leserbrief als „Pixel-Wichser“ betitelt hat, dass ein 10-jähriger nicht weiβ, daβ es die (gepixelte) Zigarre im Mund des Akteurs war, die ihn weiβen Rauch ausatmen lässt? Richtig absurd wird die Aktion, wenn im Nachbar-Kabelkanal wie HBO, AXN und anderen, all die Dinge offen zu sehen sind. Erinnert an Shakespeare’s Hamlet, da ist vom „Übermut der Ämter“ die Rede.

 Eine typische Szene in einem lokalen TV-Sender sieht etwa so aus: Ein Mann feiert seinen Geburtstag und einer der Gäste überreicht ihm eine gepixelte Flasche Whisky als Geschenk. Anschlieβend schenkt der Promilleprinz aus der gepixelten Pulle zwei ebenfalls verschwommene Gläser ein und man prostet sich zu. Nicht einmal in Thailand sind die so geschützten Teenager so dämlich zu glauben, der Mann hätte ein Buch über traditionellen Thai-Tanz geschenkt bekommen.

 Eine andere Szene zeigt einen sehr blutigen Kampf zwischen einem Transsexuellen und Mitgliedern einer Streetgang. Man sieht Handfeuerwaffen und Sturmgewehre auf dem Boden liegen. In dem Moment, wenn einer der Schauspieler eine Waffe in die Hand nimmt, wird sie nach den Regeln der Zensur gepixelt. Denn die Vorschrift lautet, dass eine auf Menschen gerichtete Waffe in der Hand einer Person nicht gezeigt werden darf. Hat mal jemand einen Jugendlichen Zuschauer gefragt, warum bricht dann der Kontrahent am Ende des Laufes von Kugeln getroffen zusammen und krümmt sich in einer Blutlache von der Gröβe einer Glühweinwiese?

 Kein Wunder also, dass auch kaum gesunder Menschenverstand zu erwarten ist, wenn es um Nacktheit im Fernsehen geht.

 Alte Illustrationen aus Siam (nicht etwa Vulgarien) zeigen, dass es noch bis ins vergangene Jahrhundert durchaus üblich war, daβ Frauen barbusig durch den Alltag gingen. In ländlichen Gegenden scheren sich die Groβmütter auch heutzutage nicht unbedingt um die westlichen Textilstandards.

 Dennoch kommen die S(T)ittenwächter auf die absurde Idee, nur züchtig bedeckte Frauenbrüste als Teil der siamesischen Kultur auszuweisen. In einem Land in dem ein ansehnlicher Prozentsatz der männlichen Bevölkerung die ersten sexuellen Erfahrungen als Teenager im Bordell sammelt, wo Hardcore Porno DVD’s offen auf der Straβe angeboten werden, und es tagtäglich „working girls“ in den Sois zu sehen gibt, wird kaum ein Jugendlicher vom Anblick nackter Chef Hupen schockiert sein, nicht einmal wenn sie Nippel von der Gröβe eines Traktorenventils aufweisen.

 Gemessen an der Bevölkerungszahl, ist Thailand eine der Nationen mit der gröβten Sex-Industrie auf diesem Planeten, die hauptsächlich von Einheimischen Kunden lebt. Damit ist erwiesen, daβ zügellose Rammelei zu kollektiver Amnesie, zumindest im Bereich eigener Kulturgeschichte führt, wie man auf dem Foto von 1920 aus Chiang Mai sehen kann.

Jede Knarre wird gepixelt. Aber, anläβlich des alljährlichen „Children’s Day“ (15. Januar), lädt die Armee Familien in die Kasernen ein und lässt Sechsjährige für Fotos mit Maschinengewehren posieren und verteilt Spielzeug Kalaschnikows. In der wichtigsten Nachrichtensendung auf Kanal 3 präsentiert die Polizei Dutzende von Kriminellen beschlagnahmte Waffen, Munition, Messer und Handgranaten. Pixilation? Fehlanzeige! 

 Ein Blogger des Thai-Visa Forums schickte folgendes Foto mit Kommentar zum Thema:

„Die Bildschirmaufnahme einer aktuellen Thai TV soap opera zeigt deutlich, wie der Schauspieler in der einen Hand eine Zigarette hält, in der anderen Hand einen Drink, während er mit der nackten Schauspielerin spricht, die nach dem Revolver auf dem Nachttisch greift.”

 Aber was soll’s? Selbst in so genannten zivilisierten Ländern ist man überzeugt davon, daβ in einem Container eingesperrte Leute mit Hormonstau, Karaoke-Krakehler, oder Kakerlaken fressende C-Promis auf Robinson Inseln, unerlässliche Bestandteile fesselnder Fernsehunterhaltung sind.

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