Chiang Mai 2011 – The Day the Music Died

Zur Einleitung der eigentlichen Geschichte, hier eine Anekdote aus meiner Zeit als aktiver Musiker:

Toronto, Kanada, 1999

Mr. „Kentucky schreit Ficken“

 Bevor wir mit unserer Band auf Tournee gingen, haben wir gerne das Programm mit akustischen Instrumenten auf dem Straβenmusik-Strich getestet. Dieses „Bezahlte Üben“ erwies sich als gutes Barometer, um zu sehen wie die Stücke beim Publikum ankommen. Bevor wir also in Europa auf Tournee gingen, spielten wir fünf Tage lang vor einer Ladenpassage und U-Bahnstation in Torontos Innenstadt. Jeden Tag zur selben Zeit kam ein älterer Herr vorbei. Er sah beinahe so aus wie Colonel Sanders, der KFC-Hühner Hugo im Krankenpfleger Outfit. Er hörte sich zwei, drei Songs an und warf dann lächelnd, je nachdem wie ihm die Musik gefiel, 5 oder 10 Dollar in den Gitarrenkoffer. Ich glaube, sein Lieblingssong war „Don’t fence me in“ von Cole Porter.

 Am fünften Tag kamen zwei Cops vorbei, verboten uns weiterzuspielen und konfiszierten unsere Instrumente. Straβenmusik war zu dieser Zeit in Toronto verboten. Wir sollten am nächsten Tag zum Gericht kommen, wo unsere Strafe festgesetzt wird und nachdem wir diese bezahlt hätten, würden wir die Instrumente zurückbekommen.

 Vor den ausladenden Treppen des Gerichts war ein Fuβgänger-Übergang und wir warteten auf Grün, als der besagte Herr erschien, er fragte uns lächelnd was wir den vorhätten und wir erzählten ihm was passiert war. Er sagte nur breit grinsend „hm“ und verabschiedete sich.

 Im Gerichtssaal war es gerammelt voll, Stadtstreicher, Nutten und Leute die wegen „drunk in public“ oder „Fünf-Finger-Rabatt“ (Ladendiebstahl) etc. angeklagt wurden. Wir staunten nicht schlecht, als sich herausstellte, daβ unser „Colonel Sanders“ auf dem Richterstuhl saβ! Er erklärte den Cops, daβ er persönlich gesehen hat, daβ wir nicht auf öffentlichem Grund, sondern im Eingang der Passage gespielt hätten und die sei Privatgrund. Und da sich die Besitzer nicht beschwert haben, wird die Klage abgewiesen! Zack aus, der nächste bitte. Unnötig zu erwähnen, daβ wir fast mitten auf dem Gehweg musiziert haben…

Nochmals vielen Dank Judge ♫ ♪♫ 

 Daβ es auch anders geht, beweist diese Geschichte aus Chiang Mai in Thailands Norden. Hier haben die Erbsenzähler und Kulturtaliban der Polizei und Einwanderungsbehörde das Sagen. Glücksspiel, Prostitution, Drogen-, und Menschenhandel, Handel mit Schmuggelware und Waffen, sowie Schmuggel von Diesel sind in Thailand die eigentliche Domäne der „Boys in Brown“. Es gibt im Land zwischen 700.000 und 1 Mio. illegale Spielhöllen und Casinos, davon allein 170 in Bangkok, die unbehelligt ihr Geschäft betreiben. Das geht! Zwischen 3 und 20 Prozent der weiblichen Bevölkerung im Königreich geht „anschaffen“. Auch das geht, obwohl Prostitution verboten ist. In den Sois 3 und 4 der Shukumvit Road in Bangkoks Innenstadt bieten Afrikaner jedem Passanten Drogen und geklaute Pässe an. Das geht auch!  Wenn jedoch ein Ausländer in Chiang Mai in seinem 3-wöchigen Urlaub auf die Bühne eines Live Music Clubs steigt  und an den wöchentlichen  „open mic“ sessions teilnimmt, dann geht das nicht!

Thai Cops- nicht genug Musik im Blut?

 Warum? Weil sich damit für die Cops kaum Geld verdienen lässt. Und eine Verhaftung wegen Musizierens ohne Arbeitserlaubnis hilft den Beamten das ohnehin popelige Gehalt zu rechtfertigen. Bereits im März und April 2011 wurden zahlreiche Ausländer, speziell in den Clubs Guitarman und Northgate, verhaftet. Damit hat man dem bisherigen Ruf der Muckerschuppen,  Kultstätten der Völkerverständigung unter Musikern und Publikum zu sein, den Schlussakkord gesetzt..

 Besonders grotesk wird die Nummer, wenn man bedenkt, daβ sich Chiang Mai bei der UNESCO (United Nations Educational, Scientific and Cultural Organisation) um den „Creative City Status“ beworben hat. Man glaubt das damit zu rechtfertigen, daβ Chiang Mai „kulturelle und kreative Aktivitäten als integrale Bestandteile der Stadt gewährt die eine wirtschaftliche und soziale Funktion erfüllen.” Klingt für mich irgendwie mehr nach Schmelztiegel für Hirnschmalz! Hier wird es aber jetzt höchste Zeit für den:

A long long time ago

I can still remember how that music used to make me smile…

And I knew if I had my chance

That I could make those people dance

And maybe they’d be happy for a while…

American Pie / Don McLean

 Wäre es nicht in aller Interesse, die Kreativität auch durch ausländische Musiker interpretieren zu lassen? Oder ist das Thailands Verständnis von Völkerverständigung, im gleichen Stil, wie sie schon Demokratie missinterpretieren? Man stelle sich den garantiert unmusikalischen Aufschrei im Land vor, wenn man die Mitglieder der im ammerländischen Rastede aufgetretenen Pattaya Marching Band nach Arbeitsgenehmigungen gefragt hätte. Schaut man sich die entsprechenden Clubs und deren Klientel an, so findet man neben wenigen Thais hauptsächlich Touristen und Expats vor.  Hier traf sich ein Publikum, dessen Hörgewohnheiten kaum kompatibel sind mit betrunkenen, freitagabendlich gestimmten Karaoke-Pavarottis, die im Lübke-Englisch 25 Jahre alte Boney M. Titel als Niegelungenlied präsentieren, Thai-Rap (früher nannte man das Stottern, aber es galt als heilbar), oder Reisbauern Cha-Cha-Cha und Befruchtungswalzer für Ejakulations-Assistentinnen im 3-tägigen Erziehungsurlaubs-Dilirium. Aber das gehört zum musikalischen Thai-Alltag, denn hier gilt: Ohrenschmerz ist nur Hysterie des Körpers! 

Gary Glibber- Jailhouse Rock nach Pädo-Polka

 Nun ist es ja nicht so, daβ Gary Glitter aus dem benachbarten Kambodscha allabendlich die Bühnen erklomm, um Pädophilen-Potpourris zu Gehör zu bringen. Hier trafen sich gelegentlich Profis und Amateur-Musiker im Urlaub mit lokalen Künstlern, um sich abseits von Bananenmusik und Autoscootertechno mit anderen Künstlern auszutauschen. Ein gegensaitiges Geben und Nehmen also. Wer so etwas verbietet, sollte sich seine Liederschmerzen und Mittelohrvergiftung bei „Lock ‚n Lao“ während  der nächsten Bücherverbrennung zum Schutz der heimischen Thai-Kultur holen! 

 Aber die Kultur,- und Arbeitsplatz-Protektionisten haben nichts Besseres zu tun, als einen Rucksacktouristen zu verhaften, der bei seinem eintägigen Thailandaufenthalt bei einer „offenen Bühne“ Veranstaltung ein paar Songs zum Besten gibt! Das ist wie Hoyerswerda morgens halb 10 auf nüchternen Magen. Klar, jeder Shopping Cart-Schubser spielt hier Gitarre, aber nur ein Bruchteil der Vollchlore-Klampfer ist in der Lage einen einfachen 12-Takt Blues zu spielen. Vielleicht boomt hier der Verkauf von Ukulelen nur deshalb, weil man glaubt, Led Zeppelins „Stairway to heaven“ läβt sich auf vier Saiten schneller erlernen.

 Also, was soll dieser Bühnen-Rassismus? Ausgerechnet in einem Land in dem  mehr Raubkopien westlicher Musiker verkauft werden als irgendwo sonst auf der Welt! Erstaunlich finde ich auch, daβ sich Thailands „Lock-Star“ Nummer eins, Carabao, der sonst für jeden Scheiss Reklame macht, nie zu dem Thema gemeldet hat. Aber wahrscheinlich fürchtet er, daβ durch Einflüsse ausländischer Musiker noch andere Karaoke Clowns auf die Idee kommen, mit abgekupferten Songs der Scorpions und Carlos Santana Licks Kohle zu machen.

 Ein anonymer Musiker aus eine beliebten ausländischen Band in Chiang Mai sagte dem Magazin Citylife: „Open Mic Nights sind fertig, Musiker in Chiang sind Mai fertig!” Er erklärte auch, daß eine große Zahl ausländischer Musiker ihre Auftritte aus Angst von Einwanderungsbehörde verhaftet zu werden, abgesagt hat. Gleichzeitig hat sich eine wachsende Zahl ausländischer Musiker von Chiang verabschiedet, da die Stadt nicht mehr das Gefühl bietet, ein kreatives Zentrum für Künstler zu sein.

 Wenn eine Band ausländischer Musiker, etwa die Hauskapelle eines Clubs stellt und für regelmäßiges Engagement entlohnt wird, erscheint es ganz normal, daβ dafür eine Arbeitsgenehmigung erwartet wird. Das ist in jedem Land gleich.  Aber wieviele engstirnige Bürokraten braucht der Staat um Touristen zu verhaften die im dreiwöchigen Urlaub 3X an einer Jamsession teilnehmen?

 Fakt ist:

  • Die Auftritte sind spontan und werden nicht auf Plakaten vorher angekündigt.
  • Jamsession Musiker erhalten weder eine Gage, noch eine freie Mahlzeit oder gratis Getränke für ihre Darbietung.
  • Sie machen keinem Einheimischen den Arbeitsplatz streitig.
  • Auch die Einheimischen Bands zahlen keine Steuern für ihre „bezahlte“ Arbeit.

♪§§♪§§♪§§♪§§♪§

Das Gesetz sagt:

 Ohne Arbeitserlaubnis ist es Ausländern untersagt Geld für Tätigkeiten zu empfangen. Das Gesetz schlieβt jedoch nicht einmalige Darbietungen bei open mic sessions  ein! Die Polizei versucht jedoch das Gesetz auf jeden anzuwenden, selbst wenn derjenige sich einer illegalen Arbeit nicht bewuβt ist. Unwissenheit schützt vor Gericht nicht vor Strafe.

Mit „Ausländer Musik“ Kohle machen, aber keine GEMA bezahlen…

 Könnte man unter diesem Vorwand nicht jeden verhaften, der in einer der zahllosen Karaoke-Bars „Hänschen Klein”, als Demonstration deutscher Vollchlore, zur Belustigung der Thais zum Besten gibt? Und das in einem Land, in dem es nicht einmal so etwas wie eine GEMA gibt?

Was sagen die Verantwortlichen?

 Ruchuchai Potha, vom Chiang Arbeitsamt, Abteilung Arbeitsbewilligungen, erklärt, dass seine Abteilung und die Fremdenpolizei auch die Macht haben, Musiker für on-the-Spot Beschäftigungsverstöße zu verhaften. Im Falle Guitarman, war eine offizielle Beschwerde von jemandem Grund für die Verhaftungen. Ruchuchai sagte, es gebe ähnliche Umstände im Fall der Northgate Verhaftungen, aber leider geriet ein unschuldiger Backpacker  in das Netz, ohne etwas falsch gemacht zu haben. Dieser muβte zwar durch die ganze Verhaftungsprozedur gehen, aber es wurde keine Anklage erhoben. Ein Anwalt dazu: Viele ausländische Musiker „jammen“ tatsächlich ohne Bezahlung und brechen daher  keine Einwanderungsgesetze. Ruchai sagt jedoch es sei schwierig für die Beamten zu erkennen wer jammt oder wer bezahlt wird. Wie üblich in Thailand, muβ man seine Unschuld beweisen um einer Strafe zu entgehen. Ruchuchai weiter: Jeder Ausländer kann bei mir im Department of Work Permits in Chiang Mai eine auf 15 Tage befristete Arbeitserlaubnis zum jammen beantragen. Seine Leute haben damit kein Problem, aber er kann das nicht für andere Behörden sagen. Er geht sogar so weit, zu beanstanden, daβ selbst die Touristen-Polizei in Chiang Mai ausländische „Freiwillige“ engagiert, die genaugenommen ohne offizielle Arbeitserlaubnis arbeiten,  das ist ebenfalls illegal! Das gleiche gilt für viele Behörden und Non-Profit-Organisationen, die ausländische Lehrer  beschäftigen. „Wir werden uns am Ende womöglich alle gegenseitig verhaften,” beklagt der Beamte.

 Die Interviewer von CityLife fragten, wie es denn im Fall eines Benefiz-Konzerts für die japanischen Tsunamiopfer steht, das mit vielen ausländischen Musikern von dem Magazin veranstaltet wurde. Antwort: „Citylife hätte Geldstrafen bis zu 100.000 Baht pro Musiker erhalten können. Stellen sie beim nächsten Mal sicher, dass Sie mich um meine Erlaubnis bitten!”

 Hier ein paar  der Thai-LaLa Hörsturzproben, damit ihr wißt, was Euch im Urlaub erwartet. Wer alle Nummern bis zum Schluss durchsteht, sollte mal sein Hörgerät entwachsen…

http://www.youtube.com/watch?v=R0n4T0SQt70&feature=related

http://www.youtube.com/watch?v=5RaLl802DiI

http://www.youtube.com/watch?v=l9l0MhiBauk&feature=related

http://www.youtube.com/watch?v=_G7D_xSW_GM&feature=related

http://www.youtube.com/watch?v=avVWHd_liHc&feature=fvwrel

Und wer jetzt meint, ich wäre überheblich gegenüber anderen Kulturen, dem sei gesagt:

Niveau sieht nur von unten aus wie Arroganz!

Der Strassenmusiker des Jahres 2011

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