Lummerland für Label-Freier und böse Onkels

Plötzlich sind Fälschungen ein echtes Problem 

 Seit Jahrhunderten wird dokumentiert, daβ eine Menge Leute ausgeprägte kriminelle Energien haben. Vom Postkutschenraub bis zu aktuellen Telefon-Scams, von der nigerianischen Internet-Mafia bis zu den Tiraden Hongkongs. Betrug, Raub, Unterschlagung,- die Liste ist so lang wie die Finger mancher Zeitgenossen. Ich selbst habe im Laufe des Lebens meine eigenen kriminellen Energien unterdrückt. Aber für eine Sache hege ich immer noch uneingeschränkte Bewunderung- und das sind gut gemachte Fälschungen! Sie sind die sprichwörtliche Königsdisziplin der Gaunerei; und auch der Klerus bediente sich im Lauf der Jahrhunderte gern der himmlischen Künste des Falsifikats, wie etwa die Konstantinische Schenkung beweist. Ebenso wie die Hamburger Stadturkunde gehören solche Stunts in die Kategorie „summa cum fraude!“ Im Vergleich zu dem, was sich einige Päpste abgekniffen haben, ist Konrad Kujau ein drittklassiger Hütchenspieler. Von Amateuren wie dem Plagiatur Virtuosen Karl-Theodor zu Googleberg einmal ganz abgeshenen.

„Angie kriegt ’nen Orden, da hätte ich gern den VIP-Pass für’s Weisse Haus… Kein Problem, haben Sie eine Vorlage?“

 In Thailand wird seit 30 Jahren einfach alles gefälscht oder kopiert! Na, und? Die Nation gilt als Einkaufsparadies für Leute die zwar einen Igel in der Tasche haben, aber dennoch einen ausgeprägten Hang zu Designerware hegen. Das war schon immer so und wird auch noch lange so bleiben. Vom Mont Blanc Füller mit „Goldeinlage“ über FIFA Fußball Trikots, Warhol Gemälde, Handtaschen, Microsoft Software, Armani Anzüge, Parfüms, bis hin zu Kondomen, Medikamenten, Swiss Gold (Maggi) und Austernsauce wird hier alles unter Thailands berühmten Motto „ same same but different“ mit original Label und Etiketten zum Cheap Charlie Tarif verscherbelt. Weltweit richtet Produktpiraterie jährlich einen wirtschaftlichen Schaden von mindestens 142 Milliarden Euro an, sagte einst Bundesjustizministerin Brigitte Zypries im Jahr 2007. So verhindert Thailand eben steigende Arbeitslosenzahlen.

 Zum ersten Mal sah ich sie 1981 an einem Verkaufsstand in Venice Beach, Los Angeles. Nein,- die Rede ist hier nicht von meiner aufregenden Nachbarin, sondern von gefälschten Presseausweisen, ID Cards, Alien pass (Green Cards), Identitätskarten von U.S Marshalls, Hausausweise vom C.I.A. in Langley, Führerscheine fast aller amerikanischer Staaten etc.! Für ein paar Dollar konnte sich jeder Hillbilly mit der Identität Ausweisen, die ihm am angemessensten erschien, um in Orten wie Clayton, Georgia, wo man den Film „Deliverance“, auch bekannt unter dem Namen- Duelling Banjo´s- gedreht hat, auf dem Parkplatz des Grocery Stores auf Dufte, oder dicke Hose zu machen. Möglich war der Verkauf durch eine Gesetzeslücke, die nicht etwa die Herstellung, oder den Verkauf gefälschter Dokumente unter Strafe stellte, sondern lediglich deren Gebrauch!

 Kein Euro-Politiker hat sich bisher über diese Kuriosität aufgeregt. Und ganz nebenbei gesagt, ist das absolut täuschungssichere Kopieren von Dokumenten bis hin zu Aktien, immer noch eine Domäne einiger High-Tech Geeks in den USA. Sie verfügen aus Nachlässen über stapelweise unbeschriebenes originales Papier aller Jahrgänge, Flacons mit verschiedener Tinte aus den letzten 200 Jahren, ganze Sammlungen in- und ausländischer Schreibmaschinen und Präzisionsdruckmaschinen der Marke Heidelberg- und zwar Echte! 

In den Euro-Botschaften schrillen die Alarmglöckchen

 Doch nun flattern den Euro-Politikern und Diplomaten vor Ort plötzlich die Hosen wegen der gefälschten Lappen aus Thailand! Doch wohl nicht etwa, weil sie nicht mehr aus dem Land der unbegrenzten (Fälscher)Möglichkeiten stammen,- oder?

 Nach ersten Verhaftungen im Juli 2010, bei denen 16 Pakistani mit rund 20 gefälschten Pässen ertappt wurden, hat es am 30. November auch den Don de Don des Geschäfts, den Pakistani Muhammad Ather Butt (42), erwischt. Der Mann hat immerhin zehn Jahre lang sein Geschäft betrieben, wie man hinter vorgehaltener Hand sagt, war ihm das nur unter dem Schutz „sehr einflussreicher Persönlichkeiten“ möglich. Ausserdem wäre es ihm wohl ohne Hilfe nicht gelungen, die Thais aus dem Business zu drängen, die lediglich in „sweatshops“ das Handwerkliche erledigten. Der Markt ist inzwischen fest in Händen aus dem Nahen Osten, denn Thais trauen sich wegen der hohen Strafen und besonderer Observation des Geschäfts, an die Passfälscherei kaum heran.

In der Fälschergasse Khao San Road- Business as usual

Ich hab‘ die Pappe- also bin ich!

 Die lokalen „Bagatell-Fälscher“ arbeiten derweil fröhlich weiter und verkaufen an einem Dutzend Ständen, und sogar in drei Läden auf Bangkoks Khao San Road den Kleinkram, von Identitätskarten, Führerscheinen, bis zu TOEFL-Zertifikaten zu Preisen ab € 22. Um der Sache einen humorvollen Anstrich zu verleihen, quasi als eine Art Nonplusultra der Arglosigkeit, geschieht der Handel direkt unter einer riesigen Plakatwand, auf der zwei ranghohe Polizisten abgebildet sind unter dem Slogan „24-Hour Protection and Services.“ Und ob das Geschäft mit Thai-Führerscheinen so ein Kassenfüller ist mag man bezweifeln, solange Fahrprüfer die original Lappen auch ohne Papierkram und Fahrprüfung billiger anbieten.

Einvernehmliches Geben und Nehmen

 Um das ganze Geschäft nicht unnötig räumlich auszudehnen, werden nirgendwo sonst in Bangkok so viele abgerissene Backpacker darauf angesprochen, ob sie nicht ihren Pass verkaufen wollen. Gleichzeitig werden in den Herbergen der Khao San Road die meisten Pässe, Studentenausweise und ID‘s in ganz Bangkok gestohlen. Um den Aspekt kundenfreundlichen Service nicht ausser Acht zu lassen, bekommt man sogar nützliche Tipps wie etwa: nie mit einem hier erworbenen Pass direkt ins europäische Ausstellungsland einzureisen, weil dort (und nur dort) gestohlene Pässe gemeldet und registriert werden… Es kann nur eine Frage der Zeit sein, bis die Hinweise als Faltblätter in mehreren afrikanischen Sprachen, auf Arabisch, Suaheli und Urdu angeboten werden.

Hier fährt kein Schwein ohne Führerschein 

Nur Diplomfälscher-Zertifikate gib’ts nicht!

 Dabei fällt mir ein- in den USA ist es Tradition, dass Nummernschilder fast ausschließlich von Insassen der Haftanstalten hergestellt werden. In Thailand muss man ca. 3 bis 6 Monate auf das Blech warten, weil es seit Jahren Nachschubprobleme gibt. Vielleicht wäre das ein Lösungsvorschlag umschulungswillige Fälscher wieder in die normale Berufswelt zu integrieren?

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