Erwacht Singapur aus Orwells 24/7 Big Brother Alptraum?

country iconSingapurs Peoples Action Party (PAP) hat in der 2011 Wahl sechs Parlamentssitze an die Opposition abgeben müssen. Seit 2001 hat Lee Kuan Yew’s Alles und Jeden dominierende PAP 15% der Wähler verloren. Besonders die jüngere Generation scheint von der staatlichen Überwachung und Einmischung, selbst in die privatesten Bereiche des Lebens, die Nase voll zu haben. Wen wunderts? Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Demonstrationsrecht, freie Gewerkschaften, einheitliches Arbeitsrecht, Gleichberechtigung? Fehlanzeige!

Solidarność Sing Style?

 Die am häufigsten in der Presse des pseudodemokratischen Singapurs zitierten Personen sind Mr. und Mrs. Tan. Wann immer sich jemand traut ein öffentliches Statement abzugeben, steht in der Zeitung stets die Bemerkung: „Quote by a person only wanted to be known as Mr./ Mrs. Tan.“ Die vom großen Bruder ausgegebene Maxime lautet seit 40 Jahren gleich: Hinsetzen und Klappe halten! Also machen wir uns die nicht gerade von Zivilcourage geprägte Tradition zu Eigen und nennen wir den Akteur in diesem Stück Mr. Tan.

Wenn Mr. Tan allmorgendlich zur Arbeit fährt, wird er auf dem Weg von seiner Haustür bis zu seinem Büro von bis zu 86 Kameras überwacht. Orwell’s Big Brother ist allgegenwärtige Realität, im Bus, der U-Bahn, auf jedem Bahnhof, in jeder Unterführung, jedem Fahrstuhl und den meisten Büros wachen die elektronischen Augen über ihn. In vielen Fällen entgeht man dem Blick des großen Bruders nur mit einem Lächeln in die Kamera vor der Tür zum- hoffentlich- „Stillen Örtchen.“ Da könnte man sich, trotz tropischen Klimas, ja fast für’s Burkatragen erwärmen…

Stilles Örtchen goes GovTube?

 Selbst wenn Tan das private Auto nehmen würde, passiert er auf dem Expressway alle 200 Meter eine Überwachungskamera. Anhand des elektronischen Fahrausweises lässt sich zudem jederzeit kontrollieren wann Tan wo, und auf welcher Strecke, öffentliche Verkehrsmittel benutzt hat.

 Das ERP-System, das den Zugang aller Fahrzeuge in den Innenstadtbereich kontrolliert, und mittels eines Senders von einer aufladbaren Cashcard den fälligen Eintritt für jedes Fahrzeug kassiert, speichert gleichzeitig alle Daten des Fahrzeughalters.

Nun hört mal auf zu träumen!

 Ob die Tatsache, dass jede sechste Wohnung in einem HDB-Block (Behausung für den größten Teil der Bevölkerung des Inselstaats – auch schon mal gerne als Proleten-Silo bezeichnet) für einen Polizisten reserviert ist, und ebenfalls zum „Total Security-System“ gehört, hat hier noch niemand hinterfragt. Der Blockwart lässt grüßen! So ist das eben, wenn die regierende Schönwetterelite bereits bei der Namensgebung ins „Paranoya Taufbecken“ geplumpst zu sein scheint. Nüchtern betrachtet könnte man jedoch sagen, der Bedarf an Bespitzelung ist erst mal gedeckt.

 Wer ein öffentliches Gebäude im Business District im Stadtzentrum betritt, muss an der Rezeption einen Hausausweis oder seine Identitätskarte vorlegen, die dann eingescannt wird. Die Nummer auf der ID Karte bleibt dem Besitzer, ebenso wie die über alles entscheidende Sozialversicherungsnummer in den USA, auf Lebenszeit erhalten. Gegenwärtig wird daran gearbeitet, die Karten zukünftiger Generationen mit bionischen Daten des Besitzers zu ergänzen, wobei Iris-scan, Fingerabdruck und Stimm-Codierung das System perfektionieren werden.

 Sollten dann noch Lücken bei der Rekonstruktion im Tagesablauf von Mr. Tan auftauchen, ließen sich diese mit Hilfe seiner Kreditkarte, der Medi-Card für den Arztbesuch und der SIM Karte seines Mobil-Telefons schnell schließen.

The Marabout is watching you!

 Die Sichtbaren Formen der Überwachung hat man Mr. Tan als notwendige Sicherheitsmaßnahmen gegen die Bedrohung von außen verkauft. Das macht besonders vor dem Hintergrund Sinn, dass Singapurs bereits inhaftierter einziger Renommier-Terrorist durch ein Toilettenfenster entkam und monatelang auf der nahezu hermetisch abgeriegelten Insel nicht zu finden war. Und das in Zeiten, in denen Dank Google Earth kein Grashalm auf dem Fussballfeld des Changi Gefängnisses unentdeckt bleibt.  Natürlich schluckt jeder brave und zur Kritikunfähigkeit erzogene Staatsbürger das Argument der Bedrohung. Demgemäβ bleibt die  Frage, wer profitiert eigentlich von jeder Art des Terrorismus am Meisten, unbeantwortet. Die weitreichenden, verborgenen Lauschereien, enthält man den Bürgern vor. Man geht wohl davon aus, dass in einem Land mit einer der höchsten Selbstmordraten, eine zusätzlich erzeugte Paranoia eher negative Auswirkungen auf das Sozialverhalten- und in Konsequenz auf das Rentenversicherungs-System der Massen haben könnte.

 Ob dieser aus europäischer Sicht „Orwellsche Alptraum“, Mr. Tan’s Leben sicherer macht, sei nach den Anschlägen im WTC, den Nahverkehrszügen in Madrid und in der Londoner Untergrundbahn in Frage gestellt. Nahezu jeder der Selbstmordattentäter wurde auf Video aufgenommen und später identifiziert- aber eben erst nachdem sie ihr mörderisches Vorhaben in die Tat umgesetzt haben.

INGSOC (Kunstwort für „English Sozialismus“) ist die politische Ideologie der totalitären Regierung von Ozeanien in George Orwell's Science-Fiction-Roman „1984”

 Wie akzeptabel die Einheimischen die totale Überwachung selbst empfinden, lässt sich am boomenden Absatz von so genannten Survaillance Cameras in den Elektronik-Warenhäusern ablesen. Niemand findet etwas dabei, wenn die in den meisten Haushalten angestellten ausländischen Maids mit versteckten Kameras bespitzelt werden. Man kann nie genug Sicherheit haben…

Die Schrift im Schaufenster sagt: “On the day we can fully trust each other- there will be peace on earth” Scientology’s L. Ron Hubbard

 Aber auch Ausländer bedienen sich gern solcher Methoden. Der deutsche Hersteller von Zahnersatz etwa, der monatelang seine zum Teil behinderten Mitarbeiter, für deren Beschäftigung er sogar Anspruch auf steuerliche Vergünstigungen hat, heimlich via Kamera bei der Arbeit beobachtet hat. In demokratisch regierten Ländern würde man sagen: Da weht aber ein eiskalter Wind durch den Arbeitsvertrag! Was er wahrscheinlich nicht ahnte, daß auch er seinerseits bereits Opfer eines, oder mehrerer Lauschangriffe geworden ist, da nach Aussagen eines Polizisten einer Spezialabteilung, ohnehin die Gespräche von Ausländern auf der Insel abgehört werden dürfen, und zwar ohne lästigen Gerichtsbeschluss, Nachweis eines Tatverdachts, Prävention eines Verbrechens, oder anderen juristischen Kinkerlitzchen westlicher Länder. So gesehen, ist das Inselchen eher eine Art Zuschauerdemokratie.

Der Inselstaat als Sahel-Zone der Privatsphäre 

Singapurbesucher 2020?

 Von der Duldungsstarre der Einwohner gegenüber staatlicher Überwachung, ist es nur ein kleiner Schritt zur fatalistischen Akzeptanz. Von diesem Standpunkt aus gesehen erscheint es vielen eben nur natürlich, wenn man selbst zum Lauscher und somit freiwilligen Blockwart der totalen Kontrolle wird. Zugegeben, im DIN-genormten Europa können einige Regelungen und juristische Spitzfindigkeiten einem schon ein gewisses Maß an Toleranz abfordern. Immerhin hat ein EU-Bürger ein paar verbriefte Rechte, wenn es um seine Privatsphäre geht. Auf unserer kleinen Insel sieht das etwas anders aus. Mir ist ein Fall in Erinnerung geblieben, über den in der lokalen Presse berichtet wurde. Ein junger Mann war es gewohnt nackt zu schlafen. Nachdem er aufwachte, ging er allmorgendlich von seinem Schlafzimmer aus splitterfasernackt in sein Bad. Von einem gut 80 Meter entfernten  gegenüberliegenden Häuserblock beobachtete ihn eine Hausfrau bei seinen Nacktwanderungen in seiner eigenen Wohnung und führte penibel Buch über das Datum und Uhrzeit. Nach einiger Zeit legte sie ihre Spanner-Daten der Polizei vor, die dem Mann eine Anzeige wegen unanständigen Verhaltens präsentierte. In so einer Gesellschaft ist selbst das eine Meldung in den Nachrichten. Auf die Idee, jemanden für das Spannen in fremde Wohnungen zu belangen, kommt hier niemand…

Wie sagt man so schön? Um unglücklich zu sein, ist es  nicht zwingend notwendig Angehörige in Singapur zu haben…

„Between being loved and being feared, I have always believed Machiavelli was right. If nobody is afraid of me, I’m meaningless.”

Lee Kuan Yew 06.10.1997.

Bevor nun aber jemand ausserhalb Singapurs auf die Idee kommt, auf Lee Kuan Yew’s Überwachungsstaat mit dem Finger zu zeigen, hier ein paar Zitate von grossen Brüdern und Schwestern in Europa:

„Eigentlich läuft alles ganz prima, aber trotzdem brauchen wir mehr Überwachung.“

~Angela Merkel, Bundeskanzlerin~

„Ehrliche Menschen haben nichts zu befürchten.“

~Franco Frattini, Vizepräsident der Europäischen Kommission~

„So etwas wie der Warnschussarrest wird irgendwann genauso normal sein, wie die Videoüberwachung.“

~Angela Merkel, Bundeskanzlerin~

„Das Argument, dass auch die Daten Unschuldiger gespeichert werden, interessiert mich nicht.“

~Joerg Ziercke, BKA-Chef~
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Eine Antwort to “Erwacht Singapur aus Orwells 24/7 Big Brother Alptraum?”

  1. singapoor , really

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