Fear Factor Singapore Style

country iconNachdem dieser Artikel 2009 erstmalig erschien, gab es von „Hurra Singapur-Touristen“ und 110 prozentigen PAP/HDB-Flat Blockwarten bitterböse Kommentare. Dabei konnte niemand die hier gemachten Angaben widerlegen. Für die Locals war es Gesichtsverlust; und die besserwisserischen Kommentare kamen von touristischen Fassadenguckern. In Anlehnung an ein Zitat des deutschen Soziologen Erwin Kurt Scheuch würde ich sagen: „Auf Reisen suchen viele Deutsche eigentlich nicht das fremde Land, sondern Deutschland mit Sonne, und noch geordneteren Verhältnissen.“ Oder,- wie es Aldous Huxley ausdrückte: „Reisen bedeutet entdecken, daß alle anderen unrecht haben mit dem, was sie über andere Länder denken.“ Um es nicht wieder auf die Spitze zu treiben, habe ich in dieser Version den Begriff „Hygiene-Taliban“ vorsichtshalber weggelassen.

Merlion- Singapurs Wahrzeichen. Ein Omen?

Fear Factor Singapore Style

 Jahrzehntelang war man im Stadstaat am Südzipfel des malayischen Archipels damit beschäftigt, sich den Ruf einer Saubermannenklave im sonst nicht so keimfreien Asien zu erwerben. Da blieb kaum noch Zeit dafür, ein gewisses Mass an Hygienestandards zu implementieren.

 Singapur, von Kennern auch gerne als „airconditioned Nation“ bezeichnet erweist sich jenen, die etwas länger als zum kurzen Einkaufstrip hier verweilen, eher als Nation unter dem Motto: „Vorne hui- hinten pfui“!

 Bevor man sich in Lee Kuan Yew’s Familienbetrieb dazu entschloss strikte Urheberschutz-Gesetze anzuwenden, wurde hier alles kopiert, was sich zu Geld machen liess. Man schreckte nicht einmal davor zurück, Ideen und Praktiken aus dem hier sonst eher herablassend betrachteten Westen zu adaptieren. Unglücklicherweise zählten Hygienestandards nie zu den kopierwürdigen Errungenschaften.

 Food-Festivals und Gourmet-Gipfeltreffen sind seit langem feste Bestandteile der lokalen Tourismusstrategie.  Hunderttausende internationale Gäste nehmen jährlich an den kulinarischen Events teil.  Doch nur sehr Wenige sind sich über den laxen Umgang mit Hygienevorschriften –sofern diese bestehen- bewusst. Wären sie es, dann würden sich wohl nur ein paar ganz Verwegene auf diese gastronomische Variante von „Fear-Factor“ einlassen.

Zwei Tote 146 Vergiftungen und 77 Einlieferungen in Kliniken!

Sheik Alauddin Mohideen Betreiber des Rojak Stalls

 Und nun, ausgerechnet zu Zeiten eines wirtschaftlichen Abschwungs, in denen ohnehin jeder den Gürtel enger schnallt, kommt es zum ersten hausgemachten „Gammelfleisch Skandal“. 146 Personen haben sich schwere Lebensmittelvergiftungen zugezogen. Auslöser dafür waren Vibrio Parahämolyticus Bakterien in einem Hawker Stall mit 83 Garküchen im Rotlichtbezirk Geylang. Fazit: zwei Koma-Tote und 77 Einweisungen in Krankenhäuser. Die zur Familie der Cholera-Erreger gehörenden Bakterien wurden in der lokalen Spezialität „Rojak“ gefunden, dass nicht ausreichend gegarte Meeresfrüchte enthielt. In einer ersten Reaktion der Behörden wurde der Imbissbesitzer für die Massenvergiftung verantwortlich gemacht, der aber den Kelch an seinen Lieferanten weiterreichte.

 So gross die Aufregung über diesen Zwischenfall war, niemand scheint die wahren Ursachen im Zusammenhang zu erkennen. In einem Land in dem nahezu jeder Aspekt des täglichen Lebens von der Obrigkeit reglementiert und überwacht wird, erscheint es kurios, dass ausgerechnet im Bereich Lebensmittelkontrolle und Hygiene das System versagt. Dabei sollten es die Bewohner Singapurs besser wissen. Bereits 1983 gab es einen ähnlichen Fall mit 34 Vergifteten, ebenfalls in Geylang und ebenfalls ausgelöst durch „Rojak“.

A uniquely fine city

 Die drastischen Gesetze, die in einer Art Volkserziehungsprogramm implementiert wurden (500 $ Strafe für auf die Strasse spucken und Papier wegwerfen. 1000 $ fuer Missachtung des Rauchverbots und doppelte Summe im Wiederholungsfall), kamen nicht von ungefähr.

 Nach dem Ende der Kolonialzeit starben tausende Einwohner an Epidemien, die durch Ratten übertragen wurden. Die Regierenden waren sich darüber im Klaren, dass die traditionelle chinesische Lebensart, in der Umwelt- und Hygienebewusstsein nur eine geringfügige Rolle spielen, nicht mit der wachsenden Bevölkerungszahl auf einem sehr begrenzeten Raum vereinbar sind und unweigerlich zu Katastrophen führen. In unmittelbarer Nähe des Ladens, der die letzte Massenvergiftung auslöste, befindet sich ein „Wet-Market“ in dem Kammerjäger kurz darauf mit Hilfe von „Kleber-Matten“ über 60 Ratten in einer nächtlichen Säuberungsaktion fingen. Einer von ihnen wurde mit den Worten zitiert: „Das ist nur die Spitze des Eisbergs, die Viecher sind schlau und wissen die Hilferufe der Kleberopfer genau zu deuten…“

Die aktuelle Situation

 In der Stadt des Merlions muss jede Zigarette einen Stempel der Zollbehörde aufweisen. Wird man in einer der sporadischen Zivilstreifen-Kontrollen mit einem Glimmstengel aus dem benachbarten Malaysia erwischt, gibt es einen Haufen Ärger. Im schlimmsten Fall kommt es zu Hausdurchsuchungen und Durchsuchungen des Arbeitsplatzes. Wenn die Ordnungshüter keine illegalen Glimmstengel finden, kann man Sie aber auch für den Besitz eines Sexfilmchens auf CD belangen. Das macht einen dann auch um bis zu 10.000 $ ärmer. Der polizeiliche- und juristische Aufwand einer solchen Aktion ist eigentlich nur damit zu rechtfertigen wenn es darum geht, die Staatskasse aufzufüllen. Gleichzeitig gehören Kontrollen von Garküchen und Restaurants zu absoluten Ausnahmen. Die so verhassten „western standards“ würden in einem Land, dessen Bevölkerung weltweit das schwächste Immunsystem hat, Wunder wirken.

Welchen Sinn macht eine drei Klassen Zertifikation für Sauberkeit in Gastronomiebetrieben?

 Insgesamt zählte der Stadtstaat im vergangenen Jahr 5395 unter der National Environment Agency (NEA), lizensierte Food Outlets.   Die beliebten Hawker Center, sind allesamt im Besitz  der Regierung und in drei Betreibergesellschaften unterteilt. Dennoch,- Gesundheitszeugnisse für Küchenpersonal? Fehlanzeige! Ebenso, Vorschriften über abwaschbare Wände, eine Hackfleischverordnung, oder sachgemässe  Lagerung von Lebensmitteln. Dafür sieht man in jeder Garküche bekleckerte, verschwitzte T-Shirts und drei Zentimeter lange „Glücksbringer-Fingernägel“.

 Hawker Center werden nach Angaben der Betreiber National Environment Agency (NEA), Ministry of the Environment and Water Resources (MEWR), Housing Development Board (HDB) und JTC Corporation regelmässig kontrolliert  und in drei Kategorien der Sauberkeit eingestuft: A, B und C. In einigen Fällen kann man die Schilder sogar hinter wehenden Bierreklame-Bannern erspähen. Nach offiziellen Angaben fallen 14% der Hawker Stalls in die letzte Rubrik! 2008 schafften es aber 700 Betriebe nicht einmal in diese Gruppe! Geschlossen wurden sie nicht, die Besitzer können sich nur eben nicht voller Stolz mit dem C-Schild schmücken!  Eine Erklärung darüber, welchen Sinn diese Dreifaltigkeits-Klassifizierung macht, bleiben die Behörden schuldig.

 Ein weiteres Problem stellt die offene Bauweise dieser Gatronomie-Zentren dar. Sie bieten allem, was fliegt, krabbelt oder auf Schleimspuren glitscht einen Backstage-Pass für die Futterkrippen. Tagsüber haben Raben und Katzen die Läden im Griff und bei Einbruch der Dunkelheit übernehmen die Ratten das Revier. Das liegt daran, dass um 19 Uhr die Abräumer Feierabend machen und sich Teller mit Essensresten auf freigewordenen Tischen stapeln. Geschlossen wird erst gegen Mitternacht.

Das Toiletten Problem 

Nächstes Klassenziel: world hub für "Sitzpinkler"

 Die halbgaren Gastronomie-Vorschriften erlauben es 6 oder mehr Kneipen und einem Dutzend Imbissen sich eine Toilette zu teilen, wenigstens befindet die sich weit abgelegen von Töpfen, Pfannen und Zapfanlagen. In vielen Fällen wird jedoch Küchen-Ware auch gern im Vorraum zur Toilette gelagert. Die von der Regierung iniziierten „Bitte nach Benutzung spülen-Kampagnen“ mit Flugblättern, Aufklebern und Bannern  haben viele dieser allzu stillen Örtchen nie erreicht. Wen wunderts? Welche Vorzimmerdame im Businessdress, will sich schon die manikürten Finger an verdreckten Amaturen und „Goldeimern“ schmutzig machen. Das 100-fach gewendete Handtüch und die Hotelration Seife sind da auch keine saubere Lösung und warmes Wasser ist lediglich in den Luxusläden vorzufinden. Wenigstens bei den Toiletten wird in Singapurs Bars und Pubs Gleichberechtigung praktiziert: Ein gemeinsames Klo für Damen und Herren ist durchaus OK!

Willkommen im „Gasthaus Zum Schmutzigen Löffel“ 

 Es ist nichts Ungewöhnliches, wenn in der Gasse hinter einem Restaurant Teller, Tassen und Töpfe auf der Strasse in grossen Plastikschüsseln mit kaltem Wasser „gereinigt“ werden. Das kann man allabendlich zum Beispiel in Changi Village beobachten. Spülmittel würden wahrscheinlich das Wareneinsatz-Budget sprengen. Selbst während des Höhepunkts der SARS Epidemie war diese „rituelle Reinigung“ die Standardmethode! Nicht zuletzt hier, auf dem Schlachtfeld des Futterneids zwischen Strassenkötern, Katzen, Raben und Ratten, geht das Image vom piksauberen Singapur buchstäblich den Bach herunter. Knochen, Gräten und andere schwerverdauliche Bestandteile einer Mahlzeit wurden in chinesischer Tradition auf den Tisch gespuckt, während über den Köpfen ein Banner mit der Aufschrift: Wir danken unseren heroischen Krankenschwestern im Kampf gegen SARS, wehte. Nach der letzten Massenvergiftung und Rattenplage in den Freiluft-Restaurants liest man vielleicht bald: Wir danken unseren tapferen Kammerjägern, die verhindern, dass Nager von unseren Tellern essen!

 Wie ist es möglich, dass eine Gesellschaft, die weder Haare über dem Kragen von Schuluniformen duldet, und kurzärmelige Hemden selbst bei Geschäftstreffen im Starbucks als dresscode Anarchie wertet, Hygiene-Verordnungen und ein regelmässige Kontrolle von Gastronomiebetrieben für unnötig hält?

 Gelegentlich hört man  einige- politisch weniger korrekte- Antworten darauf! So gibt es im Lande lebende Ausländer, die behaupten, das hängt mit dem chinesischen Lifestyle zusammen: Alles was nicht unmittelbar mit der eigenen Person, oder nächsten Angehörigen zu tun hat, ist zweitrangig! Ausserdem ist es immer wichtiger das „Gesicht zu wahren“, als Unvermögen einzugestehen und vorhandene Missstände beim Namenzu nennen, oder gar öffentlich zu machen. Andererseits gibt es Leute, die solche Bemerkungen als rassistische Verallgemeinerungen ansehen.

 Wie dem auch sei, zu den traurigen Tatsachen unserer Zeit gehört die Erkenntnis, dass Melamin-Milchskandal, mit Bleifarben kontaminiertes Spielzeug, Weissmacher-Cremes mit 60.000fach überhöhtem Quecksilber Anteil, SARS und zuletzt Lungenpest, ausgelöst durch Yersinia Pestis Bakterien in Ratten, alle aus ein und demselben Land exportiert wurden…. Das sind alles von Menschen gemachte Probleme, denen die Gier nach schnell verdientem Geld zu Grunde liegt. Das oft hervorgebrachte Argument- das kann in einer Nation mit einer Milliarde Menschen schon Mal passieren, steht auf dünnen Beinen. Wie sonst ist es zu erklären, dass soetwas nicht aus Indien kommt? Vielleicht liegt es daran, dass warmes Blut von Schlangen und frisch geköpften Schildkröten,  vorzugsweise gleich aus dem Hals gesaugt,  halbgar gegrilltes Rattenfleisch, Fledermaus-Ragout und lebende Fische hier nicht zu den Höhepunkten auf der Speisekarte gehören.

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